Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Kommentar der anderen12. Februar 2014, 18:41
40 Postings

Wie diskriminierende Vorurteile gegen Roma reproduziert werden

Die Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi im STANDARD vom 30. 1. ist als Aufruf zur Empathie und Solidaritätserklärung mit den "ärmsten Teufeln" Europas zu lesen. Leider bedient sie sich dabei auch problematischer Annahmen, vermeintlicher Beobachtungen und rassistischer Stereotype.

Dabei sollte die zentrale Frage eine andere sein: Wer ist wann ein Rom beziehungsweise eine Romni? Welche Kontexte und Situationen erlauben eine "Ethnisierung" von Personen? Anders gefragt: Wie kommen wir dazu zu glauben, dass es sich bei bestimmten Personen um Roma handeln könnte? Taschendieb mit rumänischem Pass? Klarer Fall. Dunkelhäutige Bettlerin? Keine Frage. Juristin am Bezirksgericht? Unmöglich? Mittelschullehrer? Ausgeschlossen?

Wissenschaftliche Auseinandersetzungen fragen nach den Rahmenbedingungen von Ethnisierungen und Rassifizierungen. Gerade im Hinblick auf Roma erweist sich das nicht selten als schwierig und in vielen Fällen als höchst problematisch. Denn, und darauf hat Coudenhove-Kalergi hingewiesen, es sind fast immer Außenperspektiven, die Historikern vorliegen. Soziale und "ethnische" Momente sind in diesen Dokumenten nicht zu trennen.

Wenn zum Beispiel Ressentiments gegenüber bulgarischen und rumänischen Arbeitsmigranten argumentiert werden, wissen Medienkonsumenten in ganz Europa, dass damit eigentlich Roma gemeint sind. Gleiches gilt für die Bewohner von Elendssiedlungen: Auch mit ihnen assoziiert man auf der Stelle Roma. Anders ausgedrückt: Wer arm ist und "fremd" aussieht, hat gegenwärtig in Europa gute Chancen, als Rom oder Romni abgestempelt zu werden.

Eine Geschichte Europas als Geschichte von abgrenzbaren und homogenen "Völkern" zu entwerfen reflektiert eine überholte und problematische Perspektive. Problematisch auch dahingehend, dass Völkern kollektive Eigenschaften zugeschrieben werden, was bei Coudenhove-Kalergi in einer fatalen Feststellung gipfelt: "Im Grunde ist diese einzigartige Volksgruppe geblieben, was sie immer war: anders und von der Mehrheitsbevölkerung abgelehnt." Worin liegt diese Andersheit? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Sie lässt sich auf sachlicher Ebene auch nicht beantworten. Allenfalls unter Zuhilfenahme rassistischer Stereotypen. (Wolfgang Göderle, DER STANDARD, 13.2.2014)

Wolfgang Göderle (Jg. 1981) ist Mitarbeiter des Instituts für Geschichte der Universität Graz.

Share if you care.