Die Bar als Kriegsschauplatz

12. Februar 2014, 17:47
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Händels Oper "Giulio Cesare" als grandioses Sittenbild am Stadttheater Klagenfurt

Klagenfurt - Die grandiose Mischung aus Erotik, wahrer und gespielter Liebe inmitten blutrünstiger Rivalitäten verhalf Giulio Cesare zu höchster Präsenz auf den Bühnen dieser Welt. Da originalgetreue Sandalen und antike Kampfadjustierungen nicht unbedingt den Geschmack des heutigen Publikums treffen, fühlt sich Regisseur Michael Sturminger veranlasst, das Geschehen in das Ägypten der Gegenwart zu verlegen: Ein großzügig verglastes Loft hoch über Kairo mutiert kurzerhand von der Lifestyle-Bar zum noblen Etablissement oder gar zum Kriegsschauplatz. Das alles vor der Kulisse der pulsierenden Großstadt.

Bühne und Kostüme (von Renate Martin und Andreas Donhauser) wirken wie aus einem Guss: Herrlich dekadent erscheint das Halbstarken-Outfit des Königs Tolomeo; erfrischend die skurrile Unbeholfenheit der "kämpfenden" Truppe. Der siegreiche Feldherr Julius Caesar? Er wird mittels Live-Übertragung auf einem Großbildschirm in Szene gesetzt; die Damen des Harems werden als Unterwäschemodels präsentiert. Und die kriegerischen Auseinandersetzungen persifliert der Regisseur, indem er im großen Schlusschor alle Opfer gleichsam wiederauferstehen lässt.

Das ist alles nicht neu, aber es wird höchst unterhaltsam und klar vermittelt, und das Sängerensemble agiert durchwegs auf hohem Niveau: Dmitry Egorov gibt einen umwerfenden Caesar, er repräsentiert einen geschmeidigen Countertenor, der ohne jegliche Schärfe zu intonieren weiß.

Golda Schultz verkörpert eine herrlich unangestrengte Cleopatra, die mühelos sämtliche Koloraturen bewältigt. Sowohl darstellerisch als auch stimmlich überzeugt Adriana di Paola als trauernde und auf Rache sinnende Cornelia. Luigi Schifano (Sesto) bewältigt seine hohen Counterlagen kraftvoll und akzentuiert. Vasily Khoroshev fasziniert als hinterhältig schmieriger, lüsterner Tolomeo, der auch nicht davor zurückschreckt, den Cembalisten abzuknutschen. David Steffens (Achilla) besticht mit immenser Bassfülle. Das blendend disponierte Kärntner Sinfonieorchester erfährt ein Upgrading durch die großzügige Ergänzung mit barocken Originalen wie Theorbe, Gambe oder Gitarre. Attilio Cremonesi führt die Musiker feinfühlig und zugleich temperamentvoll durch die Partitur. Intonation, Phrasierung und Dynamik lassen kaum Wünsche offen. Nach Rosenkavalier und Macbeth also die nächste Opernproduktion dieser Saison, die zu überzeugen weiß. Standing Ovations. (Bernhard Bayer, DER STANDARD, 13.2.2014)

  • Eine unterhaltsam-zeitgemäße Umsetzung einer antiken Geschichte: Dmitry Egorov (als Giulio Cesare).
    foto: fessl

    Eine unterhaltsam-zeitgemäße Umsetzung einer antiken Geschichte: Dmitry Egorov (als Giulio Cesare).

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