Mit mächtigen Augenringen durch vulgäre Gesellschaft

12. Februar 2014, 17:47
5 Postings

Im Wettbewerb der 64. Internationalen Filmfestspiele besticht der Brasilianer Karim Aïnouz mit "Praia do futuro", einer brüchigen Erzählung über das Leben als Provisorium. Dem stehen enttäuschende Behauptungsfilme von globalen Krisenherden gegenüber

Vielleicht verhält es sich bei Filmen ein wenig so wie bei Menschen, bei denen der erste Eindruck Weichen stellt. In diesem Fall wöge die erste Einstellung sehr viel. Karim Aïnouz' Praia do futuro beginnt mit Motocrossfahrern, die durch eine Dünenlandschaft ihre Bahnen ziehen, Alan Vega singt Ghost Rider, und im Hintergrund des Bildes drehen sich ein Dutzend Windräder schnell. Es ist ein starkes, vibrierendes Bild, das zwei Bewegungen durch die Zeit festhält, jene der Menschen und jene der Welt selbst.

Aïnouz' Arbeit, einer der stärkeren Wettbewerbsbeiträge, erzählt in drei Kapiteln vom Brasilianer Donato, einem Rettungsschwimmer an jenem Strand von Fortaleza, nach dem der Film benannt ist. Als er erstmals einen toten Touristen zu beklagen hat, überbringt er dessen deutschem Freund Konrad (Clemens Schick) die schlechte Nachricht selbst. Im nächsten Moment sind die beiden ein Paar. Ein charakteristisches Erzählmanöver für den Film: Er arbeitet mit Auslassungen, hantelt sich von einer Intensität zur nächsten.

Aïnouz' Stil erinnert ein wenig an jenen von Claire Denis: wie er die Männerkörper ins Bild rückt, sich an deren Ausdrücken orientiert, die mit der Umgebung zu einer Sensation verschmelzen. In Berlin, wohin Donato Konrad folgt, gibt es später eine starke Szene zum unverwüstlichen Chanson-Klassiker Aline; da wird eine Ausgelassenheit greifbar, die sich bald wieder verflüchtigt. Praia do futuro erzählt vom Leben in einem langen Provisorium, über Sensibilitäten und fragile Zugehörigkeiten, die sich auch über Landschaften mitteilen.

Zu oft Allgemeinplätze

Nicht wenige andere Filme im Wettbewerb der letzten zwei Tage enttäuschten in einem Ausmaß, dass man in Berlin schon von einem schwachen Jahrgang spricht: Zwischen Welten, die zweite Arbeit der Wiener Filmemacherin Feo Aladag (Die Fremde), begleitet einen deutschen Soldaten (Ronald Zehrfeld) nach Afghanistan, wo dieser mit Widersprüchen zu kämpfen hat. Ein schwieriges Thema, dessen Schattierungen Aladag zu wenig ausdifferenziert. Vor allem in den Dialogen bleibt der Film viel zu behäbig, zu oft flüchtet er sich in Allgemeinplätze darüber, dass die Interessen zwischen den Helfern und dem afghanischen Volk nicht zur Deckung zu bringen sind.

Auch Stratos vom Griechen Yannis Economides erschöpft sich in der Bebilderung seiner Grundthese, dass es mit der Moral in seinem Land nicht zum besten steht: Ein Auftragskiller mit mächtigen Augenringen bewegt sich schleppend durch eine vulgäre Gesellschaft aus Emporkömmlingen und Gangstern, die nur die gegenseitige Verachtung eint. Die Überlänge des Films resultiert vor allem aus der inflationären Verwendung des griechischen Universalschimpfwortes "malaka".

Man mag es als Antwort auf solche Behauptungsfilme verstehen, dass ein kleiner Dokumentarfilm wie Und in der Mitte, da sind wir in seinen Protagonisten weit mehr Brüche entdeckt: Der Österreicher Sebastian Brameshuber porträtiert Jugendliche aus Ebensee, die sich zwischen Schulabbruch, ersten Jobs und dem beständigen Nachjustieren ihrer Selbstentwürfe kaum eine Vorstellung der eigenen Zukunft auszumalen vermögen. Die befremdliche Störaktion einer Gedenkveranstaltung im Stollen des ehemaligen NS-Lagers 2009 bildet den zeithistorischen Horizont des Films, doch Brameshuber macht keine rechten Gesinnungen fest. In genau kadrierten Bildern zeichnet er im Laufe eines Jahres das beunruhigende Panorama einer Gesellschaft, in der es zu wenige erfüllende Angebote gibt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 13.2.2014)

  • Motocrossfahrer vor Dünenlandschaft: Clemens Schick, Wagner Moura und Jesuita Barbosa (von links) im Wettbewerbsbeitrag "Praia do futuro".
    foto: berlinale / realfiction

    Motocrossfahrer vor Dünenlandschaft: Clemens Schick, Wagner Moura und Jesuita Barbosa (von links) im Wettbewerbsbeitrag "Praia do futuro".

Share if you care.