"Psychische Gewalt ist am schwierigsten zu beenden"

Interview13. Februar 2014, 07:00
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Heinrich Kraus arbeitet seit vielen Jahren therapeutisch mit Gewalttätern. Er warnt davor, alle Klienten in einen Topf zu werfen

Nach einer langen Anlaufzeit hat sich die therapeutische Täterarbeit in Österreich etabliert. Einer ihrer Mitbegründer von der Wiener Männerberatungsstelle, der Therapeut Heinrich Kraus, erläutert, warum die Arbeit mit Tätern vor allem Respekt erfordert und wo sich der Erfolg von Anti-Gewalt-Trainings zeigt.

dieStandard.at: Gewalt ist ja ein schamhaft besetztes Thema. Wie finden die Täter zu Ihnen in die Beratungsstelle?

Kraus: Sie kommen über drei verschiedene Wege: Entweder über  die Justiz, also zum Beispiel wegen bedingter Urteile oder bedingter Entlassung mit einer Auflage zum Training. Die zweite Schiene geht über die Jugendämter. Wenn bei einer Wegweisung  Kinder im Spiel sind werden diese von der Polizei informiert und diese Stellen können ebenso eine Auflage aussprechen. Die dritte Gruppe sind die Selbstmelder, die keine Auflage haben, aber in der Regel bereits den Druck der Partnerin spüren. Die letzte Gruppe macht rund 35 Prozent unserer Kontaktaufnahmen aus.

dieStandard.at: Wie beeinflusst es die Arbeit, wenn der Klient nicht freiwillig kommt?

Kraus: Gewalttäter sind natürlich ein spezielles Klientel. Mit den richtigen Ansätzen sollte es aber einem erfahrenen Therapeuten gelingen,  eine Atmosphäre zu schaffen, sodass der Klient von sich aus seine Widersprüche erkennt. Es geht in erster Linie darum, die innere Motivation, sich zu verändern, zu erhöhen. Ein wichtiger Bestandteil des Trainings ist, dass die Klienten lernen, Eigenverantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und diese nicht abzuwehren.

dieStandard.at: Wie funktiont dieses Abwehren?

Kraus: Der weitverbreitetste  Abwehrmechanismus ist die Schuldzuweisung: 'Hätte sie mich nicht so provoziert, hätte sie aufgehört zu nörgerln, dann wäre alles nicht passiert'. Das heißt im Klartext: 'Wenn sie sich ändert, haben wir kein Problem. Ich brauche mich aber nicht zu ändern'. Solche Abwehrreaktionen sind aus der Konfliktpsychologie erklärbar, weil es im Zuge der Konflikteskalation zu kognitiven und wahrnehmungsmäßigen Verzerrungen kommt; dennoch gehören sie aufgelöst.

Dann gibt es auch noch die Verharmlosung: 'Ich hab sie ja nur gestoßen' oder 'sie kriegt leicht blaue Flecken.'

dieStandard.at: Ein erster Schritt in der Therapie ist also, solche Abwehrmechanismen zu durchbrechen?

Kraus: Ich würde es nicht durchbrechen nennen, weil 'durchbrechen' ein sehr gewalttätiges Wort ist. Es bedeutet, dass ich etwas zerstören muss, dem ist aber nicht so. Gewalttäter sind mit diesem 'Aug um Aug'-Prinzip sehr gut vertraut. Wenn man sich als Therapeut auf diese Ebene begibt, hat man schon verloren.

Wir gehen davon aus, dass Gewalt das 'Können' der Männer im Hier und jetzt ist. Davon distanzieren wir uns, nehmen aber unsere Klienten mit ihren spezifischen Wünschen und Bedürfnissen ernst und respektieren sie. Uns geht es nicht darum, dass die Täter die Gewalt verlernen, sondern wir geben ihnen alternative Sichtweisen und Möglichkeiten in die Hand, damit sie gar nicht zu Gewalt als Mittel greifen müssen.

dieStandard.at: Bemerken Sie eine Zunahme bei den Verordnungen von Anti-Gewalt-Trainings in den letzten Jahren?

Kraus: Nein, die Zahl bleibt eigentlich mehr oder weniger konstant. Die, die mehr werden, sind im Prinzip die Selbstmelder. Wir mussten in den vergangenen Jahren immer wieder einen Aufnahmestopp für diese Gruppe verhängen, damit wir die Leute mit Auflage versorgen können.

dieStandard.at: Wie sicher können Sie sich als Therapeut sein, dass der Klient nicht mehr rückfällig wird?

Kraus: Zur Frage des Erfolgs unseres Trainingsprogramms  habe ich eine Evaluation unserer Beratungstätigkeit über die letzten 10 Jahre (bis 2012) gemacht. Dabei ist herausgekommen, dass ca. 20 Prozent unserer Klienten die körperliche Gewalt nach einem Training nicht einstellen. Die anderen 80 Prozent tun dies sehr wohl und auch konstant. Das Ergebnis variiert je nach Gewaltform: Am schwierigsten scheint es zu sein, die psychische Gewalt zu beenden. Dieses Ergebnis deckt sich in etwa mit den größeren Studien aus den USA zum Thema.

Man sollte nicht vergessen, dass es verschiedene Typen von häuslichen Gewalttätern gibt: jene, die nur in der Familie gewalttätig werden und ansonsten die 'netten Nachbarn' sind. Das andere Extrem sind die Anti-Sozialen, die auch in der Öffentlichkeit gewalttätig sind und meist auch schon Vorstrafen haben. Für diese Gruppe ist Gewalt ein Mittel, um Konflikte zu lösen. Die Gruppe in der Mitte ist meist emotional instabil: diese Menschen haben strukturelle Probleme aber auch Probleme in Beziehungen.

Sie können nicht erwarten, dass alle Männer, die ein sechs- bis achtmonatiges Gruppen-Programm machen, die gleichen Erfolge  erzielen. Aus unserer Erfahrung haben wir bei manchen ein gutes Gefühl, bei manchen sind wir skeptisch, dass die Gewalt aufhört.

dieStandard.at: Teilen Sie solche Bedenken auch den Behörden  mit?

Kraus: Nein, unsere Aufgabe ist es nicht, Risikoprognostik für die Behörden zu machen. Wir machen sie aber sehr wohl zu internen Zwecken.

dieStandard.at: Das heißt, ihre Beobachtung und Verantwortung für den Täter erstreckt sich ausschließlich auf die Länge der Therapie?

Kraus: Ja. Sobald wir erfahren, dass es während des Programms erneut Gewalt gegeben hat, überlegen wir gemeinsam, was wir als nächstes tun. Wir arbeiten hier eng mit der Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie und der Polizei zusammen. Auf solche Vorfälle reagieren wir dann verschieden – manche nehmen wir aus der Gruppe und verschreiben ihnen stattdessen Einzeltherapie. Wir haben Täter auch schon angezeigt. Wie ich schon sagte: Gewalt ist nicht gleich Gewalt. Leichte Formen können noch unterschiedlich interpretiert werden, aber je schwer sie wird, desto eindeutiger ist es.

Bei der Interventionsstelle gibt es eine eigene  Mitarbeiterin, die nur für die Zusammenarbeit mit uns zuständig ist. Mit ihr besprechen wir alle aktuellen Fälle – wie es im Training und generell läuft. Dabei geht es nicht nur um das Risiko nach außen, sondern auch um das Suizidrisiko des Klienten. Wir hatten ja schon einige Suizid-Versuche von Klienten.

dieStandard.at: Ist es möglich, das Risiko, dass ein Täter rückfällig wird, genau zu bestimmen?

Kraus: Hundertprozentig geht das nicht, aber wir können es mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent sagen. Dabei verwenden wir Programme, die auf Algorithmen aus der Versicherungsmathematik aufbauen. Die spezifischen Merkmale eines Täters werden dabei mit den vorhandenen Risikogruppen abgeglichen, woraus sich ein individuelles Rückfallrisiko generieren lässt.

Eine besonders kritisches Merkmal wäre zum Beispiel das Spiegeltrinken in Kombination mit Gewalttätigkeit. Oftmals ist es aber nicht so eindeutig, weshalb eine Merkmalkombination notwendig ist. Diese reichen von patriarchalen Einstellungen extremerer Art bis zu Impulskontrollproblemen oder psychischen Störungen.

dieStandard.at: Erstaunlich, dass so ein komplexes Problem offenbar relativ einfach quantifizierbar ist ...

Kraus: Ja, es ist quantifizierbar. Aber bedenken Sie: Wenn jemand ein 60-prozentiges Rückfallrisiko hat, dann kann ich leider immer noch nicht sagen, ob er in die eine oder die andere Gruppe fällt.

dieStandard.at: Würden Sie an der Täterarbeit in Österreich gern etwas ändern?

Kraus: Wir haben in den letzten zehn, zwöf Jahren viel geleistet und inzwischen gibt es einen Konsens in der befassten Öffentlichkeit, dass es Täterarbeit flächendeckend in Österreich braucht.  Auch finanziell ist unsere Stelle heute nicht mehr ausschließlich vom Innenministerium abhängig, sondern bekommt Geld aus verschiedenen ministeriellen Quellen. All das schätze ich sehr positiv ein. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass die Behandlungspläne  besser auf den individuellen Fall abgestimmt werden. Wir könnten noch effektiver sein, wenn wir bei den Tätern differenzierter hinschauen könnten. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 13.2.2014)

Heinrich Kraus ist Therapeut bei der Wiener Männerberatungsstelle und hat das Anti-Gewalt-Programm für Gewalttäter gemeinsam mit Kollegen aufgebaut. Seit 1999 arbeitet er im "Trainingsprogramm zur Beendigung von gewalttätigem Verhalten in Paarbeziehungen", zusätzlich ist er in mehreren Justizanstalten tätig.

Das Trainingsprogramm für Gewalttäter dauert zwischen sechs und acht Monate und besteht im Wesentlichen aus Gruppengesprächen. Die Beratungsstelle arbeitet mit rund 100 Männern pro Jahr.

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Wiener Männerberatungsstelle

  • Wie effektiv ein Anti-Gewalt-Training ist, hängt im wesentlich davon ab, zu welchem Typ ein Gewalttäter gehört.
    foto: apa/jan-philipp strobel

    Wie effektiv ein Anti-Gewalt-Training ist, hängt im wesentlich davon ab, zu welchem Typ ein Gewalttäter gehört.

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