"Allianz von Kaiserkrone und Bischofsmitra wirkt"

Interview13. Februar 2014, 11:05
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Anton A. Bucher, Theologe und Pädagoge, über die Diskreditierung des Ethikunterrichts als ziviler Ersatzdienst für Religionslose, Gandhi und abgetrotzte Freiheits- und Menschenrechte

STANDARD: Sie erzählen in Ihrem Buch "Der Ethikunterricht in Österreich" eine "Bildungsgeschichte, die in vielem ein Skandal ist". Was ist der Skandal?

Bucher: Dass es in 17 Jahren nicht gelungen ist, einen von Anfang an gut bewährten Schulversuch ins Regelschulwesen zu überführen; dass an der parlamentarischen Enquete über Ethikunterricht 2011 keine Vertreter der konfessionsfreien Mitbürger, deren Kinder Ethikunterricht besuchen müssten, eingeladen wurden; dass Ethikunterricht so oft als "Ersatzfach" diskreditiert wurde und nicht längst vom Religionsunterricht entkoppelt ist.

STANDARD: 1997 wurde der Schulversuch Ethikunterricht gestartet, damals an acht Schulstandorten, für jene Schüler an AHS und BHS, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen. Mittlerweile gibt es an 234 Standorten Ethik, aber noch immer nicht in ganz Österreich. Reicht das?

Bucher: Auf keinen Fall, es braucht eine bundesweite Regelung, wie in den meisten EU-Staaten auch.

STANDARD: Warum braucht Österreich denn Ethikunterricht?

Bucher: Das Schulorganisationsgesetz schreibt vor, dass die Schule auch sittliche, religiöse und soziale Werte zu vermitteln hat. 1962, als noch 95 Prozent der Österreicher der katholischen Kirche angehörten, konnte man davon ausgehen, dass das der Religionsunterricht leistet. Es gibt Schulklassen, in denen nicht die Hälfte der Schülerinnen und Schüler Religion besucht. Auch diese sollen in ethischer Reflexion gefördert werden und sich entsprechendes Wissen, auch religionskundliches, aneignen können.

STANDARD: Sie haben im Auftrag des Unterrichtsministeriums 2001 die erste Evaluation des Ethik-Schulversuchs gemacht: Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

Bucher: Obwohl viele Schüler anfangs um ihre Freistunden trauerten, gewann das neue Fach schnell positive Resonanz. Mehrheitlich beteuerten die Schüler, im Unterricht ernst genommen zu werden, über ihre Anliegen diskutieren zu können und vieles zu lernen, was für ihr Leben und das Zusammenleben wichtig ist. Der Längsschnitt zeigte, dass ethischer Relativismus - "Es ist eh alles gleichgültig" - und ausländerfeindliche Stereotype zurückgingen.

STANDARD: Ihre Empfehlung lautete damals: den Ethikunterricht ins Regelschulwesen überführen. Passiert ist nichts. Warum? Weil sich hierzulande niemand mit den Religionsgemeinschaften, vor allem der dominanten katholischen Kirche, anlegen will?

Bucher: Bildungsministerin Elisabeth Gehrer sagte mir einst, sie hätte Ethikunterricht als Alternativfach implementiert, wenn vonseiten der katholischen Kirche ein starkes offizielles Signal gekommen wäre. Dieses kam von der Bischofskonferenz erst 2009, nachdem Unterrichtsministerin Claudia Schmid Ethikunterricht für alle vorgeschlagen hatte. Es scheint der Kirche eigentümlich, auf gesellschaftspolitische Entwicklungen primär zu re-agieren. Redlicherweise ist anzumerken, dass die Kirche ihre Position veränderte: vom Nein anfangs der 90er-Jahre über die Duldung als Ersatzfach bis zur aktuellen Forderung nach einem gleichberechtigten Alternativfach. Als ich 2000 Letzteres vorschlug, drohte mir der damalige Salzburger Erzbischof noch den Entzug der Lehrbefugnis an. Vorgeschoben wurde auch das fehlende Geld.

STANDARD: Gehört konfessioneller Religionsunterricht in einem Land, das sich eigentlich als säkular begreift, überhaupt in die Schule als verpflichtendes Schulfach für alle?

Bucher: Das "eigentlich" in der Frage ist wohl kein Zufall: In Österreich wirkt die Allianz von Kaiserkrone und Bischofsmitra nach. Aber auch in einem säkularen Staat gehört Religion an die Schule, das sah auch das laizistische Frankreich ein, darauf besteht selbst die Initiative "Religion ist Privatsache". Die Frage ist nur: konfessionell? Auch politische Bildung gehört an die Schule, jedoch nicht als ÖVP-Bildung oder Team-Stronach-Bildung etc. Die andere Frage ist, ob Religionsunterricht im Gymnasium wirklich noch so konfessionell ist.

STANDARD: Ist er noch konfessionell? Sie haben auch die Religionslehrer unter die Lupe genommen. Wie ist deren Selbstverständnis?

Bucher: Viele Religionslehrer leisten Großartiges im Spannungsfeld von kirchlichen Ansprüchen, teils restaurativ, und fortschreitender Entkirchlichung. Vielen gelingt es, die Frage nach Gott und einem letzten Sinn zu wecken. Erwiesenermaßen ist ihnen - zumal in höheren Klassen - mehr daran gelegen, zur Allgemeinbildung beizutragen, etwa über Weltreligionen, Toleranz zu fördern, Transzendenz zu erschließen, als die Glaubenslehre der Kirche zu verkündigen. Ein Schulamtsleiter erklärte die hohe Resonanz des Religionsunterrichts so: "Religionslehrer werden nicht mit Kirche identifiziert", aber von dieser beauftragt.

STANDARD: 2013 haben Sie erneut Schüler, die Ethikunterricht hatten, gefragt, was sie von dem Fach hielten. Wie fiel deren Zeugnis aus?

Bucher: Die 1832 Schüler benoteten das Fach noch besser: 50 Prozent gaben eine Eins und registrierten noch mehr hilfreiche Lerneffekte, speziell darin, was moralisch richtig und falsch ist. Für mich am erfreulichsten: Vier von fünf Schülern wollen ausdrücklich, dass Ethik und Religion an den Schulen zur Sprache kommen.

STANDARD: Wie würden Sie Ethikunterricht konkret installieren?

Bucher: Meine Vision ist ein Fach Ethik und Religionskunde für alle, das in Kooperation von Staat und Religionsgemeinschaften zu entwickeln wäre. Das zentrale Anliegen lautet: Welche ethische und religionskundliche Bildung brauchen alle Maturanten in Österreich? Diesen Weg beschreitet seit 2005 - erfolgreich - die katholische Innerschweiz.

STANDARD: Wer soll Ethikunterricht erhalten? Die Kirchen, aber auch die ÖVP, wollen Ethik ja nur für die Schüler, die nicht im konfessionellen Religionsunterricht sind.

Bucher: Prinzipiell alle Schüler, bestenfalls ab der Sekundarstufe 1, also nach der Volksschule. Leider hat Ethikunterricht den Nimbus bekommen, ziviler Ersatzdienst für Religionslose zu sein. ÖVP-Ministerin Elisabeth Gehrer wertete im Jahr 2001 Ethikunterricht als Erfolg, weil er die Abmeldungen von Religion reduzierte. Das ist eine zutiefst abzulehnende Funktionalisierung von Ethikunterricht, der vom konfessionellen Religionsunterricht prinzipiell zu entkoppeln ist.

STANDARD: Was soll im Ethikunterricht vermittelt werden?

Bucher: Ethikunterricht orientiert sich an den Freiheits- und Menschenrechten, die der Kirche im Säkularisierungsprozess abgetrotzt werden mussten. Realistische Ziele sind die Förderung ethischer Reflexion und des moralischen Urteils, Diskurskultur, Toleranz, Mündigkeit - dass lauter Mahatma Gandhis herauskommen, wäre überzogen. Unverzichtbare Inhalte sind Weltethos, die Menschenrechte und -pflichten, philosophische Positionen, einschlägiges Faktenwissen, etwa was ist passive und was aktive Euthanasie, und - unabdingbar - religionskundliches Grundwissen.

STANDARD: Und was machen wir dann mit dem konfessionellen Religionsunterricht? Wahlfach zusätzlich zum Pflichtfach Ethik?

Bucher: Religionsunterricht gilt zwar als Pflichtgegenstand, ist aber faktisch ein Wahlfach, weil aus guten Gründen - Religionsfreiheit - die Möglichkeit besteht, sich abzumelden. Religionsunterricht kann weiter angeboten werden. Ohnehin ist es den Religionsgemeinschaften unbenommen, Katechese auf Gemeindeebene zu leisten. Mein zentrales Anliegen ist die ethische und religionskundliche Bildung aller Schüler in Kooperation mit den Religionsgemeinschaften und nicht deren verständliches Eigeninteresse an Nachwuchssicherung.

STANDARD: Sollen auch Religionslehrer Ethik unterrichten dürfen?

Bucher: Wenn sich Religionslehrer einer entsprechenden Ausbildung unterziehen, haben sie das unbedingte Recht, auch Ethik zu unterrichten. Problematisch kann es werden, wenn sich Schüler wegen der Lehrperson von Religion abmelden und diese dann in Ethik haben, was vereinzelt vorkam. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 13.2.2014)

Anton A. Bucher, geb. 1960 in Altbüron (Schweiz), studierte Theologie und Pädagogik an den Universitäten Fribourg (u. a. bei Christoph Schönborn) und Mainz und ist seit 1993 Professor für Religionspädagogik an der Uni Salzburg.

Anton A. Bucher
Der Ethikunterricht in Österreich
Politisch verschleppt - pädagogisch überfällig!
Verlag Tyrolia 2014
128 Seiten, 14,95 Euro

  • "Leider hat Ethikunterricht den Nimbus bekommen, ziviler Ersatzdienst für Religionslose zu sein", kritisiert Anton A. Bucher, Professor für Religionspädagogik an der Uni Salzburg.
    foto: privat

    "Leider hat Ethikunterricht den Nimbus bekommen, ziviler Ersatzdienst für Religionslose zu sein", kritisiert Anton A. Bucher, Professor für Religionspädagogik an der Uni Salzburg.

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