Prozess in Wien: Der Vergewaltigungsversuch aus Notwehr

12. Februar 2014, 16:44
48 Postings

Ein 25-Jähriger soll eine flüchtige Bekannte in deren Wohnung zunächst schwer verprügelt und dann zu vergewaltigen versucht haben. Er leugnet und sagt, er habe sich nur gegen sie verteidigt

Wien - Vergewaltigungsversuche gehören zu den schwierigsten Fällen für die Justiz. Wenn Aussage gegen Aussage steht und keine Verletzungen feststellbar sind, muss das Gericht die Glaubwürdigkeit beurteilen - und im Zweifelsfall greift die Unschuldsvermutung.

Umso erstaunlicher, dass auch Seyyed G. und sein Verteidiger Ewald Lichtenberger auf diese Taktik setzen. Denn im Prozess um die versuchte Vergewaltigung einer 40-Jährigen gibt es zumindest für die Gewaltanwendung Beweise: Ernst Schillhammer, Anwalt des Opfers, legt dem Schöffengericht unter Vorsitz von Eva Brandstetter fünf Fotos vor. Bilder, auf denen zu sehen ist, dass seine Mandantin vom Angeklagten im Gesicht grün und blau geschlagen worden ist.

Zerbrochenes Fläschchen

Er habe in Notwehr gehandelt, sagt der Unbescholtene dazu. Am 9. Jänner hat er die Frau, die er flüchtig kannte, zufällig getroffen. Man ging in ein Lokal, nach zwei großen Bieren begleitete er sie in ihre Wohnung. Dort suchte er später die Toilette auf und stieß unabsichtlich, wie er sagt, ein Duftölfläschchen um, das zerbrach.

Bis hierher deckt sich die Schilderung mit jener des Opfers. "Ich habe mich entschuldigt, wir sind gemeinsam zum Würstelstand gegangen und haben ein Bier geholt", schildert der 25-Jährige. "Dann sind wir auf dem Sofa gesessen. Plötzlich hat sie mich weggeschoben und ich fiel auf den Boden." Als der 1,76 Meter große und 58 Kilo schwere Mann auf dem Rücken lag, soll sie "I will kill You" gesagt und sich auf seinen Hals und Brust gekniet haben.

"Warum soll sie das gemacht haben?", fragt die Vorsitzende nicht ganz zu unrecht. G. kann es sich nicht erklären.

Als Mann einfach stärker

Nachdem er sich befreit hatte, kam es zur Schlägerei; sagt der Angeklagte. "Ich bin als Mann einfach stärker", erklärt G. die massiven Verletzungen. Er sei auf der Frau zu sitzen gekommen, als ihn ihr Bruder, den die Frau heimlich angerufen hatte, wegzog. "Ich hatte Angst und bin weggerannt."

"Warum haben Sie das nicht schon vorher gemacht?", will Brandstetter insgesamt viermal wissen. "Ich war betrunken, sie hat mich geschlagen, mir blieb nichts anderes übrig", lautet jeweils die Antwort. "Kann es sein, dass das Opfer so ausgesehen hat?", fragt die Vorsitzende und hält ihm eines der Fotos hin. "Das weiß ich nicht", sagt er kopfschüttelnd. Außerdem habe er auch selbst Verletzungen davongetragen, sichtbar waren die nach seiner Festnahme in der selben Nacht allerdings nicht.

Problem mit Videoanlage

Die Frau, deren Einvernahme im Nebenraum sich verzögert, da die Videoübertragung in den Saal wegen Rückkoppelungen komplett unverständlich ist, erzählt anderes. Nach dem Zwischenfall auf dem WC habe der Angeklagte ohne Vorwarnung begonnen, sie auf dem Sofa zu verprügeln. "Er hat mir wie ein Geisteskranker auf die Augen geschlagen", schildert sie. Schließlich habe er sie zu Boden gebracht, die Hose heruntergezogen und versucht, in sie einzudringen.

Bei einem Strafrahmen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren lautet das nicht rechtskräftige Urteil auf zweieinhalb Jahre Haft. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 13.02.2014)

Share if you care.