Kreuzweg der Reinigungsprozesse

12. Februar 2014, 17:32
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Michail Michailov befiehlt im Projektraum Viktor Bucher "Take off your shoes": existenzielle Fragen nach Sein oder Jagdschein, Mensch oder Parasit

Wien - Schon Gott, so heißt es in der Bibel, habe Moses angewiesen: "Zieh deine Schuhe aus, denn du befindest dich auf heiligem Boden!" Seither ziert der Befehl so manchen Fußabstreifer, Mr. B. B. King und Sinéad O'Connor dichteten Lyrics drumherum.

Take off your shoes II ist nun im Projektraum Viktor Bucher gleich beim Eingang an die Wand gepinselt. Dass - bis auf zwei kleine Kinder - genau keiner der Besucherinnen und Besucher dieser Aufforderung nachkommt, besagt allerdings nicht, dass Kunst im Allgemeinen - und die von Michail Michailov im Besonderen - keine Wirkungsmacht hat. Im Gegenteil.

Der 1978 in Bulgarien geborene und in Wien lebende Künstler hat eine Art Kreuzweg der inneren und äußeren Reinigungsprozesse geschaffen. Ein multimediales Stationendrama mit Videos, Fotos von Aktionen im öffentlichen Raum (aufgenommen von Hannes Anderle), Installationen und Zeichnungen. Hauptutensil vieler Aktionen: eine Art weißes Kleiderzelt oder Schlafsackanzug oder Anzugschlafsack.

Wenn sich Saubermann Michailov wie ein Derwisch im Kreise dreht, gleicht dieses Schlafsackhemd denn auch dem geblähten Wollkleid der Sufis, wobei eine Übersetzung von "Sufi" bekanntlich "rein sein" bedeutet. Ein Schlafsackkleid hat Michailov als eine - seine - Kapelle der Reinheit aufgebaut; den Eingang einer Vulva gleich aufgespreizt.

Im Inneren der Mutter-Kunstkirche läuft das Video Just keep on going: Michailov auf einer Rodel, rauf, runter, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Galerienstaub plus ein wenig Dreck von draußen hat Michailov zu "M" und "ailov"-Staubhäufchen gekehrt, das doppelte "Ich" in Künstler-Vor- und -Nachnamen (und Synonym für die Existenz schlechthin) hat er aus Tierabbildungen (Katzen, Paviane, Wildschweine, Dürer-Hase) collagiert. Großartig auch das Video, das Michailov heimlich drehte, während er gemeinsam mit Künstlerkollegin Ekatarina Radeva in einem Privathaushalt bügelte und putzte.

Die beiden entdeckten eine bizarre Trophäensammlung, dutzende Tierfelle und ausgestopfte Wildtiere, Löwen, Tiger, Zebras, Nashörner. Sein oder Jagdschein. Mensch oder Parasit. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 13.2.2014)

Bis 22. 2., Projektraum Viktor Bucher, Praterstraße 13/1/2, 1020 Wien

Link

www.projektraum.at

  • Sich in die Form einfügen? In der Serie "Chameleon" (2008) besteht Michail Michailovs Tarnung stets nur aus Details. Hier: "Untitled 7".
    foto: hannes anderle

    Sich in die Form einfügen? In der Serie "Chameleon" (2008) besteht Michail Michailovs Tarnung stets nur aus Details. Hier: "Untitled 7".

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