"Sie kommen zu uns nicht nur, weil sie Essen brauchen"

12. Februar 2014, 17:46
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Ein Blick auf zwei krisengeplagte Länder: Wie in Spanien und Griechenland Familien leiden

Raquél Gomez-Sanchez hat sich rechtzeitig nach etwas anderem umgesehen. Die junge Lehrerin hat ihren schlecht bezahlten Job in ihrer spanischen Heimatstadt Hellín vor zwei Jahren an den Nagel gehängt und eine Stelle als Au-pair im Süden Englands angenommen. Rund 500 Euro hatte sie als Volksschullehrerin zuletzt in Spanien für ihre 30-Stunden-Woche bekommen. Wenn sie jetzt ihre alte Heimat besucht, fällt ihr hauptsächlich eines auf: "Früher haben vor allem Menschen aus Rumänien und Bulgarien auf der Straße gebettelt. Jetzt sind es häufig spanische Eltern mit ihren Kindern, die um Nahrung oder Geld bitten."

Gomez-Sanchez kennt einige, die ihren Kredit nicht mehr zurückzahlen konnten und ihre Wohnung verloren. "Die müssen jetzt mit ihren Kindern zurück zu den Eltern ziehen", was wiederum die Älteren in finanzielle Nöte bringe. Andere Freunde mussten ihren Lebensstandard zurückschrauben. Während früher die Wünsche der Kinder leichter erfüllt werden konnten, wird das Geld jetzt für die elementaren Dinge des Lebens zusammengehalten: "Jetzt müssen sie schauen, dass alle genug zu essen haben", berichtet Gomez-Sanchez dem STANDARD.

Hohe Armutsrate

Laut einer UNICEF-Studie vom April 2013, für die der Wohlstand von Kindern in 29 Ländern untersucht wurde, hat Spanien eine der höchsten Armutsraten aller Industrieländer. Wie in Griechenland, Italien und Portugal liegt die Kinderarmutsrate laut "Report Card °11" über 15 Prozent. Damit sind jene Familien gemeint, deren Haushaltseinkommen weniger als 50 Prozent des nationalen Medianeinkommens beträgt. Und jene Familien, die unter dieser Armutsgrenze liegen, tun das in nicht geringem Ausmaß: Im Durchschnitt befinden sie sich um fast 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Zum Vergleich: Jene sechs bis acht Prozent der österreichischen Familien, die unter der Armutsgrenze liegen, weichen um rund zehn Prozent von dieser ab.

Auch im Bezug auf das Bildungssystem rangiert Spanien gemeinsam mit Griechenland und Rumänien am unteren Ende der Skala jener Staaten, die in diesem Bereich besonders gute Ergebnisse erzielen. Die Zahl der 15- bis 19-Jährigen, die sich außerhalb des Bildungssystems befinden, ist in Spanien gegenüber allen 28 Vergleichsstaaten am höchsten. Werden die spanischen Kinder allerdings selbst gefragt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, geben fast 90 Prozent einen hohen Grad an Zufriedenheit an. Der Wert ist im Vergleich zum Jahr 2001/02 sogar noch gestiegen.

Griechische Tristesse

Trist sieht auch die Situation in Griechenland aus. Stergios Sifnios ist für alle Familienprogramme von SOS-Kinderdorf Griechenland zuständig. Sein Eindruck? "Es ist nicht schönzureden: Diese Phase, in der Griechenlands Kinder gerade aufwachsen, ist traurig", sagt er. Aufgrund der Wirtschaftskrise würden viele Kinder nicht in die Schule gehen, auch die medizinische Versorgung, etwa mit Impfungen, sei oft unzureichend.

"Wir versuchen zu helfen", sagt Sifnios. So gebe es Projekte gemeinsam mit Lehrern, um den Kindern einen normalen Schulverlauf zu ermöglichen. Zwischen 2009 und 2013 wurden rund 1.200 Familien unterstützt. "Sie kommen zu uns nicht nur, weil sie Essen und Kleidung brauchen. Oft suchen sie auch psychologische Unterstützung für sich und ihre Kinder." Eine Vielzahl der Arbeitslosen seien junge Menschen – oft Eltern oder Alleinerzieherinnen. Sifnios verortet viele, die nun massive Probleme haben, im klassischen Mittelstand. Und folgert: "Diese Entwicklung ist sehr gefährlich für die griechische Gesellschaft."

Sieht er einen Weg aus der Krise? "Ich bin kein Politiker", meint der Grieche. "Natürlich hoffen wir, dass diese Krise endlich ein Ende findet." Das Schlimmste, was ihm in diesen Tagen begegnete, seien Anfragen gewesen, ob die SOS-Kinderdörfer "Kinder für eine gewisse Zeit aufnehmen können". Sie würden geholt, wenn der Vater oder die Mutter wieder Arbeit gefunden hat, habe es geheißen. Nur, sagt Sifnios: "Das machen wir natürlich nicht. Es muss für Eltern das Ärgste sein, so etwas in Erwägung zu ziehen." (Peter Mayr, Karin Riss, derStandard.at, 12.2.2014)

  • Suppenküche in Athen: "Es ist nicht schönzureden: Diese Phase, in der Griechenlands Kinder gerade aufwachsen, ist traurig", sagt Stergios Sifnios von SOS-Kinderdorf in Griechenland.
    foto: reuters/kolesidis

    Suppenküche in Athen: "Es ist nicht schönzureden: Diese Phase, in der Griechenlands Kinder gerade aufwachsen, ist traurig", sagt Stergios Sifnios von SOS-Kinderdorf in Griechenland.

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