"Dieses Hin und Her ist für Nordkorea diplomatischer Krieg"

Interview12. Februar 2014, 14:20
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Politologe Eric J. Ballbach über die aktuellen Gespräche und die Zickzack-Taktik Pjöngjangs

Ungewohnt viele positive Nachrichten waren in den letzten Monaten von der Koreanischen Halbinsel zu vermelden. Die Freilassung eines US-Amerikaners, geplante Familienzusammenführungen und ein von Pjöngjang vorgeschlagenes hochrangiges Treffen zwischen Nord- und Südkorea am Mittwoch geben Hoffnung in einem Konflikt, der sich in den vergangenen Jahren wieder drastisch verschärft hat. Gleichzeitig sorgt das Regime mit einigen Drohungen und Abweisungen dafür, dass der vorsichtige Optimismus getrübt wird. Welche Taktik dahintersteckt und was im Idealfall am Ende der Verhandlungen herauskommen könnte, erklärt Korea-Experte Eric J. Ballbach im derStandard.at-Interview.

derStandard.at: In den letzten Wochen gab es einige Annäherungen vonseiten Nordkoreas in Richtung Südkorea. Welche Strategie steckt dahinter?

Ballbach: Nordkoreas Strategie besitzt zwei Facetten. Es demonstiert einerseits gerne sein Autonomiestreben, indem es sich von bestimmten Dialoginitiativen zurückzieht. Andererseits, und das ist jetzt der Fall, zeigt es sich gesprächsbereit, wenn es auf der Koreanischen Halbinsel auf etwas einwirken will. Derzeit möchte Pjöngjang die dringend benötigte wirtschaftliche Erholung des Landes erreichen.

derStandard.at: Gibt es noch andere Anlässe für die Annäherungen?

Ballbach: Es gibt häufig das Wechselspiel zwischen Eskalation und Deeskalation, da muss es keinen konkreten Grund geben. Ein möglicher Anlass könnten aber die Entwicklungen um Jang Sung-taek gewesen sein, den Onkel, den Kim Jong-un hinrichten ließ. Das hat die wenigen internationalen Beziehungen Nordkoreas nachhaltig beschädigt, und Pjöngjang ist nun mal bis zu einem gewissen Grad von äußerer Hilfe abhängig. Hinter den Kulissen könnte es Druck auf Nordkorea gegeben haben - vor allem vom großen Verbündeten China -, weshalb es zu der momentanen Dialogbereitschaft gekommen ist.

derStandard.at: Ist Nordkorea auch bereit, über sein Nuklearprogram zu reden?

Ballbach: Ich denke nicht, dass Nordkorea über sein Nuklearprogramm per se reden wird, da es zu sehr mit dem politischen Erbe Kim Jong-ils verbunden ist. Möglich wären aber Gespräche über einen Wiedereintritt in den Atomwaffensperrvertrag, um eine Nichtverbreitung von Nuklearwaffen zu garantieren.

derStandard.at: In dieser Phase der Dialogbereitschaft kommt es immer wieder zu negativen Zwischentönen von Pjöngjang. Es wird mit einer Absage der bereits mit Südkorea vereinbarten Familienzusammenführungen gedroht, vor ein paar Tagen wurde der US-Sondergesandte Robert King in letzter Sekunde ausgeladen. Was hat es damit auf sich?

Ballbach: Das ist Teil der Verhandlungsstrategie Pjöngjangs, die für viele Beobachter sehr unkonventionell erscheinen mag, aus nordkoreanischer Sicht aber durchaus Sinn macht. Man muss immer die innenpolitische Situation solcher Ereignisse berücksichtigen, und in der domestischen Propaganda ist so ein Hin und Her Teil dessen, was Nordkorea als diplomatischen Krieg bezeichnet; eine Auseinandersetzung, die klar Gewinner und Verlierer kennt.

Und wenn ein US-Gesandter ausgeladen wird, kann man das in der innenpolitischen Propaganda als Sieg in diesem Krieg verzeichnen, weil man der Weltöffentlichkeit und den bösen amerikanischen Imperialisten, wie es dort heißt, die Grenzen aufzeigt. Für Nordkorea sind diplomatische und politische Auseinandersetzungen Fortsetzungen des Krieges mit anderen Mitteln.

derStandard.at: Nordkorea begründet dieses Verhalten unter anderem mit einem im Frühling geplanten Militärmanöver von Südkorea und den USA, das aber bereits seit Jahren stattfindet. Das fällt dann vermutlich in die gleiche Schublade.

Ballbach: Genau. Seit diese Manöver stattfinden, ist das die Verkörperung all dessen, was in der nordkoreanischen Propaganda über die USA gesagt wird: dass sie die primäre militärische und politische Bedrohung sind. Es wird auch immer wieder verbreitet, dass die USA Atomwaffen in Südkorea gelagert haben. Für den Systemerhalt ist diese angebliche externe Bedrohung von Vorteil, deshalb können Verhandlungen mit Südkorea und den USA nur bis zu einem gewissen Grad gehen.

derStandard.at: Für Südkorea und die USA wird die Dämonisierung durch Nordkorea und dieses Hin und Her bei den Verhandlungen nichts Neues sein.

Ballbach: Die sind das natürlich schon gewohnt. Der spannende Aspekt bei den jetzigen Gesprächen ist, dass es unter der neuen südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye bereits erfolgreiche Verhandlungen gab, nämlich bei der Wiedereröffnung des Kaesong-Industriekomplexes. Wenn es nun tatsächlich zu den Familienzusammenführungen kommt, kann man hier einen eindeutig positiven Trend ausmachen. Der diplomatische Stillstand auf der koreanischen Halbinsel und die US-Taktik der strategischen Geduld haben nichts gebracht, nun wird dem Dialog wieder eine Chance gegeben.

derStandard.at: Was könnte - neben den Familienzusammenführungen - im Idealfall bei diesen Gesprächen herauskommen?

Ballbach: Angesichts des belasteten Gesprächsklimas der letzten Jahre zwischen Nord- und Südkorea ist der Idealfall, Schritt für Schritt verlorengegangenes Vertrauen wiederherzustellen. Beginnen sollte man mit vergleichsweise einfachen Fragen, humanitären und wirtschaftlichen Themen, bevor man mit der Sicherheitspolitik weitermacht. Dann könnte man vielleicht irgendwann wieder den harmonischen Status der 2000er-Jahre erreichen. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 12.2.2014)


Eric J. Ballbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Korea-Studien der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Außen- und Sicherheitspolitik Nord- und Südkoreas sowie innerkoreanische Beziehungen.
  • Am Mittwoch trafen sich höchstrangige Delegationen von Nord- und Südkorea im Grenzdorf Panmunjom.
    foto: epa/south korean ministry of unification

    Am Mittwoch trafen sich höchstrangige Delegationen von Nord- und Südkorea im Grenzdorf Panmunjom.

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