Schlaganfall immer besser behandelbar

12. Februar 2014, 12:33
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Die Möglichkeiten zur Prophylaxe und Therapie haben sich in den vergangenen Jahren verbessert - Die Akutfälle werden aber weiterhin zunehmen

Wien - "Vor 20 Jahren hat die Neurologie bei einem Schlaganfall vor allem die Funktion der Rehabilitation gehabt. 1991 wurde gezeigt, dass die Behandlung in einer spezialisierten Abteilung (Stroke Unit; Anm.) Leben retten kann. Seit 2002 steht die Thrombolyse zur Verfügung", sagte Wilfried Lang, Vorstandsmitglied der Österreichischen Schlaganfallgesellschaft, am Mittwoch im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien.

In den vergangenen Jahren sei eine Zunahme der Schlaganfälle bei den über 45-Jährigen zu verzeichnen gewesen. Bei den 50- bis 60-Jährigen war hingegen eine Abnahme zu konstatieren. In den höheren Altersgruppen nehme außerdem die Häufigkeit akuter Gefäßverschlüsse im Gehirn (90 Prozent) und von Gehirnblutungen (zehn Prozent) zu. Diese Entwicklung dürfte dem Experten zufolge weiter anhalten und damit die Zahl der Fälle ansteigen.

Weltspitze ist Österreich, so Neurologin Elisabeth Fertl, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, bei der Akutversorgung von Schlaganfallpatienten per Thrombolyse, also der Auflösung des im Gehirn aufgetretenen Blutgerinnsels per Medikament in einer "Stroke Unit": "Beim Schlaganfall läuft die Uhr. 'Time is Brain', heißt es. Mit der Therapie soll der Gefäßverschluss wieder eröffnet werden. Hier gibt es ein Zeitfenster von bis zu 3,5 bis vier Stunden. In Österreich bekommen 18 Prozent der Patienten, die auf eine 'Stroke Unit' kommen, diese Thrombolyse. Das ist ein Wert, der sonst weltweit nicht erreicht wird", so Fertl.

Ein "Schlagerl" wird oft unterschätzt

Durch die Thrombolyse soll die Blutversorgung im Gehirn so schnell wiederhergestellt werden, dass möglichst keine langfristigen Schäden auftauchen. In Österreich gibt es ein Netz von 36 Stroke Units in den Spitälern, die binnen 30 Minuten erreichbar sind, meint Fertl.

Laut Wilfried Lang werden viele Patienten allerdings auch heute nicht adäquat behandelt, weil die typischen Schlaganfallsymptome entweder gar nicht oder nur vorübergehend auftreten und daher von Betroffenen und Angehörigen nicht ernst genommen werden. Klingen Beschwerden und Funktionsausfälle wie halbseitige Lähmung bzw. Gefühlsbeeinträchtigung, Sprach- und Sehstörungen rasch wieder ab - in der Regel binnen zehn bis 15 Minuten -, wird von einer "transitorischen ischämischen Attacke" (TIA) - besser bekannt als "Schlagerl" - gesprochen.

"Leider gehört es noch nicht zum Allgemeinwissen, dass ein 'Schlagerl' die Gefahr eines 'echten' Schlaganfalls innerhalb der folgenden Stunden oder Tage vervielfacht und daher genauso wie ein manifester Schlaganfall schnellstmöglich neurologisch abzuklären ist", gibt Lang zu bedenken.

Vorhofflimmern bei 28 Prozent der Patienten

In der Prophylaxe geht es vor allem um eine gute Blutdruckkontrolle und um die Behandlung des Vorhofflimmerns als häufigste Herzrhythmusstörung. Beim Vorhofflimmern können sich im Herzen Blutgerinnseln bilden, die mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen. "28 Prozent der Patienten, die in eine 'Stroke Unit' aufgenommen werden, haben Vorhofflimmern", betont Franz Weidinger, Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft. "Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden daran, bei den über 80-Jährigen sind es mehr als 20 Prozent."

Wenn diese Rhythmusstörung diagnostiziert ist, erfolgt in den meisten Fällen eine Blut verdünnende Behandlung. Neue, leicht dosierbare und ohne regelmäßige Laborkontrollen zu verabreichende Medikamente stehen hier seit 2008 zur Verfügung. (APA/red, derStandard.at, 12.2.2014)

Daten und Fakten:

  • Rund 25.000 Menschen erleiden in Österreich pro Jahr einen Schlaganfall.
  • 85 bis 90 Prozent der Schlaganfälle werden durch Blutgerinnsel im Gehirn ausgelöst.
  • In die spezialisierten österreichischen "Stroke Units" werden zu 52 Prozent Männer und zu 48 Prozent Frauen behandelt.
  • Im Mittel sind Schlaganfall-Patienten derzeit 74 Jahre alt. Die Altersgruppe der über 80-Jährigen hat mittlerweile einen Anteil von 32 Prozent (2013) erreicht, im Jahr 2003 waren es noch 24 Prozent gewesen.
  • 2013 gelangte ein Patient, bei dem der Zeitpunkt des Schlaganfalls bekannt war, um 40 Minuten früher ins Akut-Krankenhaus bzw. in eine "Stroke Unit" als vor zehn Jahren (2003: 150 Minuten; 2013: 110 Minuten).
  • Für die Wiederherstellung des Blutflusses im Gehirn durch eine medikamentöse Behandlung ("Thrombolyse") steht ab dem Beginn der Symptome ein Zeitfenster von bis zu viereinhalb Stunden zur Verfügung. Die Behandlung sollte aber immer möglichst früh erfolgen, um die bleibenden Schäden im Gehirn zu minimieren.
  • Mittlerweile werden in Österreich bereits 18 Prozent der Schlaganfallpatienten, die in eine "Stroke Unit" kommen, per Thrombolyse behandelt. Das ist laut österreichischen Experten international ein Spitzenwert. Im Vergleich zur Behandlung eines akuten Herzinfarkts mit Wiedereröffnung der verschlossenen Arterie ist diese Rate allerdings relativ gering (akuter Herzinfarkt: bis zu 70 Prozent der Patienten bekommen eine "Reperfusionstherapie").
  • Heute können 47 Prozent der Patienten von "Stroke Units", die einen leichten Schlaganfall erlitten haben, ohne Behinderung entlassen werden. Bei Patienten mit mittelschweren Schlaganfällen ist das bei 16 Prozent der Fall.

Typische Schlaganfall-Symptome sind:

  • Halbseitige Schwäche: Es können eine ganze Körperhälfte, also Gesicht, Arm und Bein, oder nur Teile davon, zum Beispiel nur der Arm, betroffen sein. Diese Schwäche kann leichtgradig oder schwer ausgeprägt sein.
  • Halbseitige Gefühlsstörung: Auch davon können eine ganze Körperhälfte oder nur Teile davon betroffen sein. Typisch ist ein Ausfall der Wahrnehmung, also eine Taubheit, eine Berührung wird nicht wahrgenommen.
  • Sprachstörungen: Die Sprache des Betroffenen ist nicht oder nur eingeschränkt verständlich. Umgekehrt können Betroffene auch selbst Schwierigkeiten haben, Gesprochenes zu verstehen. Sie können daher oft auch einfache sprachliche Anweisungen, etwa "Heben Sie bitte Ihren Arm", nicht befolgen.
  • Sehstörungen: Es kommt zu einem plötzlichen Verlust der Sehwahrnehmung auf einem Auge beziehungswesie nach einer Seite.

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  • Darstellung der möglichen Ursachen für einen Schlaganfall, Anzahl der Fälle in Österreich sowie Behandlungserfolge im Vergleich (2003 vs. 2013).
    grafik: apa

    Darstellung der möglichen Ursachen für einen Schlaganfall, Anzahl der Fälle in Österreich sowie Behandlungserfolge im Vergleich (2003 vs. 2013).

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