Die Lymphe: Kein einheitlicher Brei

12. Februar 2014, 13:54
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Die klare, manchmal auch hellgelb-milchige Flüssigkeit strömt in ihren eigenen Bahnen durch den menschlichen Körper

"Die Lymphe, das ist das Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Körperbetrieb. Man spricht immer vom Blut und seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft. Aber die Lymphe ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz, Blutmilch eine ganze deliziöse Tropfbarkeit…", schwärmte Thomas Mann in seinem 1924 erschienenen Bildungsroman "Der Zauberberg" von der Flüssigkeit, die weder Gewebsflüssigkeit noch Blutplasma ist, und in ihren eigenen Bahnen durch den menschlichen Körper strömt.

600 bis 800 Lymphknoten

Etwa zwei Liter Lymphe werden im Körper pro 24 Stunden produziert, zwischen 600 und 800 Lymphknoten finden sich vom Scheitel bis zur Sohle. Im Bereich des Kopfes und Halses, am Kiefer, in den Achselhöhlen, in der Leiste, im Bauchraum und im Brustkorb sind sie besonders konzentriert.

"Wenn Bakterien die Schranken der Immunabwehr überwinden und durch die Haut in den Körper eindringen, werden sie durch das Lymphgefäßsystem abtransportiert", erklärt Walter Döller, Facharzt für Chirurgie und emeritierter Vorstand des Zentrums für Lymphologie am Landeskrankenhaus Wolfsberg. "In den Lymphknoten werden sie als für den Organismus als potenziell gefährlich erkannt und über die humorale und zelluläre Immunabwehr praktisch ausgeschaltet." Dasselbe geschieht mit gefährlichen Zellen - zum Beispiel Krebszellen - die nicht von außen kommen, sondern vom Körper selbst produziert werden.

"Das Lymphgefäßsystem ist nicht nur ein stupides Drainagesystem von Gewebeflüssigkeit sondern ein wichtiger Teil des Systems der Immunabwehr, das schädigende Elemente die von außerhalb des Körpers kommen, abtransportiert und entschärft", sagt Döller. "Wenn diese im Gewebe liegenbleiben würden, würden sie ihr Unheil anrichten."

Bildung der Lymphe

Die Lymphe entsteht folgendermaßen: Mit jedem Herzschlag wird Flüssigkeit aus dem arteriellen Gefäßsystem über die Poren der Haargefäße in das Gewebe transportiert. Das erfolgt in Form von Diffusion, Osmose oder Filtration. Die Flüssigkeit durchschwemmt das Gewebe mit Nährstoffen, gibt diese dort ab, nimmt die in der Flüssigkeit gelösten Abfallprodukte auf und schafft sie über das Venensystem weg.

"Zehn Prozent dieser Flüssigkeit können nicht über die Bluthaargefäße abtransportiert werden, da zu große Moleküle darin vorkommen, oder zelluläre, korpuskulare Anteile über die Poren der Blutkapillaren nicht aufgenommen werden können. Daher brauchen wir das Lymphgefäßsystem", sagt Döller.

Das Lymphgefäßsystem besteht aus Haargefäßen in der Peripherie, die die Lymphe aufnehmen, und aus zusammengefügten Abschnitten von Röhrchen, die die Lymphe abtransportieren. An ihren Anfängen und Enden sind die  Röhrchen mit Klappen versehen, so dass die Lymphe nur in eine Richtung, nämlich herzwärts, fließen kann. In Bewegung gesetzt wird sie durch die Pumpkraft der Lymphgefäße selbst sowie durch Muskelkraftpumpe, ähnlich wie bei Venen.

Farbe und Zusammensetzung variieren

"Die Lymphe ist kein einheitlicher Brei, sondern setzt sich, je nach Region, unterschiedlich zusammen", erklärt Walter Döller. So werden zum Beispiel die Lymphozyten je nach Situation und Region einmal ausgeschüttet, ein anderes Mal wieder aufgenommen.

Auch die Farbe variiert: In den Extremitäten ist die Lymphe klar und farblos, im zentralen Brustbereich dagegen milchig weiß bis gelblich. "Die weiß-gelbliche Farbgebung kommt deshalb zustande, weil die Lymphe kleinste Fettpartikel aus dem Magen-Darmbereich, sogenannte Chylomikronen oder Nahrungsfette, aufnimmt", erklärt der Lymphologe.

In der Cisterna chyli, oder Lendenzisterne, kommt die klare Flüssigkeit der Extremitäten mit der milchig weiß-gelben Lymphe des Bauchraumes zusammen. Danach steigt sie durch das größte Lymphgefäß des Menschen, den Ductus thoracicus oder Brustmilchgang, entlang der Wirbelsäule hoch. Dabei wird die Lymphe der Brustorgane, des linken Armes und der linken Kopf-Halsseite aufgenommen und in den linken Venenwinkel am Hals in das Venensystem transportiert, wo sie in den Blutkreislauf mündet.

"Nach der Passage der Lymphknoten sollte die kontrollierte, gereinigte und konzentrierte Lymphe nur noch aus eiweißreicher Flüssigkeit und Immunzellen bestehen", sagt Döller. Damit bleiben die Eiweißmoleküle, die durch die Filtration in der Peripherie den Blutkreislauf verlassen haben, für den menschlichen Organismus erhalten, denn der Verlust von zwei Gramm Eiweiß pro Liter Lymphe würde im Lauf der Zeit einen beträchtlichen Eiweißmangel im Körper verursachen, erklärt der Experte.

Unterbrechungen des Lymphsystems

Durch Verletzungen, Erkrankungen oder von Geburt an nicht optimal angelegte Lymphgefäße kann der Transport der Lymphe stark gestört oder unterbrochen werden. Eine Flüssigkeitsansammlung im Unterhautbindegewebe bildet sich, man spricht von einem Lymphödem.

Doch die Regenerationsfähigkeit des Lymphgefäßsystems ist hoch: "Wenn Lymphgefäße durchtrennt werden, können sie sich wieder vereinigen beziehungsweise durch Neubildung von Lymphgefäßen wieder eine Kontinuität des Lymphsystems herstellen", erklärt der Lymphologe.

So finden bei chirurgischen Eingriffen Lymphgefäße, die im Gegensatz zu Arterien, Venen, Knochen oder Sehnen nicht genäht werden, wieder zusammen und können damit den Lymphfluss erneut gewährleisten. Döller: "Das erklärt auch, warum bei Verletzungen oder Eingriffen, die das Lymphgefäßsystem unterbrechen, Lymphödeme verhältnismäßig selten auftreten." (Eva Tinsobin, derStandard.at, 12.2.2014)

  • Das Lymphgefäßsystem besteht aus Haargefäßen in der Peripherie, die die Lymphe aufnehmen, und aus zusammengefügten Abschnitten von Röhrchen, die die Lymphe abtransportieren.
    foto: deutsch.istockphoto.com pixologicstudio

    Das Lymphgefäßsystem besteht aus Haargefäßen in der Peripherie, die die Lymphe aufnehmen, und aus zusammengefügten Abschnitten von Röhrchen, die die Lymphe abtransportieren.

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