Obduktionen: Kein Geld und geschönte Statistiken

11. Februar 2014, 18:48
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Experten kritisieren Umgang mit Obduktionen

Innsbruck/Wien - Der Sinn einer Obduktion sei doch vor allem, den Tod als Mitteilung an die Lebenden zu verstehen, sagt Alexander Nader, Vorstand des Instituts für Pathologie am Wiener Hanusch-Krankenhaus. Doch das werde hierzulande kaum getan. Die niedrigen Obduktionsraten aufgrund mangelnder Finanzierung hätten nämlich nicht nur zur Folge, dass Kriminalfälle nicht ausreichend aufgeklärt würden, wie die Gerichtsmedizinerin Edith Tutsch-Bauer im STANDARD-Interview kritisierte, sondern einige weitere schwerwiegende Konsequenzen.

Seit 1984 sank in Österreich die Obduktionsfrequenz von damals rund 53 auf 17 Prozent im Jahr 2012. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen weisen darauf hin, dass erst, wenn 25 bis 35 Prozent aller Todesfälle obduziert werden, eine "einigermaßen zuverlässige Todesursachenstatistik" garantiert werden kann (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf). Bei Nichterfüllung könnten Obduktionen als "fester Bestandteil der Qualitätssicherung ärztlichen Handelns" nicht herangezogen werden.

Unterschiede von Bundesland zu Bundesland

"Mir liegen wenig exakt erhobene Daten vor, aber ich habe die Vermutung, dass gerade sanitätspolizeiliche Obduktionen wesentlich seltener als notwendig durchgeführt werden", sagt Sigurd Lax, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie. Sanitätspolizeiliche Obduktionen sollten jene unklaren Fälle umfassen, bei denen Menschen zu Hause versterben. Die zuständige Behörde differiere hier von Bundesland zu Bundesland: In Vorarlberg sei etwa der jeweilige Bürgermeister zuständig und hat damit auch die Möglichkeit zu intervenieren.

Die Rechtslage sei generell unausgegoren, sagt der Pathologe Roland Sedivy. In Krankenhäusern bestehe das Problem, dass der behandelnde Arzt oft auch Totenbeschauer ist - was zu erheblichen Interessenkonflikten führen könne. Die niedrige Obduktionsrate schlage sich außerdem auf die Zahl der Exhumierungen nieder: "Meist aus Verdacht auf Vergiftungen, die ja äußerlich nicht feststellbar sind", sagt Sedivy.

Nader kenne darüber hinaus Fälle, bei denen Obduktionen nicht angeordnet würden, um die Statistik zu schönen: So würden Suizide oder Drogentode bloß mit Herzversagen dokumentiert. "Das kostet wenig Geld und geringen Personaleinsatz." Im Jahr 2011 seien bundesweit etwa 176 Drogentote gemeldet worden - eine "absolut unglaubwürdige Zahl". (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 12.2.2014)

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