Kollateralschäden und Verantwortung

Kommentar der anderen11. Februar 2014, 18:45
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Einige Anmerkungen zum Februar 1934 und seinen Folgen

Mit seinem "schwierigen Vermächtnis" lässt Kurt Bauer selbst einen wohlwollenden Leser ratlos zurück. Er serviert alten Wein in neuen Schläuchen und vermeidet es, die entscheidenden Fragen zu den Februarkämpfen von 1934 zu stellen oder gar zu beantworten.

Keine neue Erkenntnis ist, dass bei bewaffneten Auseinandersetzungen Unschuldige zu Schaden kommen. Nicht neu ist auch, dass es innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie Strömungen gab, die mit Parlamentarismus und pluralistischer Demokratie nichts am Hut hatten. Wie in anderen europäischen Ländern nahmen rechte und linke Extremismen auch im Fall von Österreich den Staat in die Zange, ehe er bekanntlich 1938 vom übermächtigen deutschen Nachbarn zerstört und mit dem Dritten Reich gleichgeschaltet wurde. Dieser Entwicklung lag das Problem zugrunde, dass es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an demokratischer politischer Kultur mangelte. Auf diesem Gebiet hatte die Monarchie jahrhundertelang vorgearbeitet, und die Erste Republik strotzte nur so vor innergesellschaftlicher Konfliktbereitschaft.

Doch welche Schlussfolgerungen soll man aus diesen altbekannten Tatsachen ziehen? Tatsache ist, dass weder Dollfuß noch sein Nachfolger Schuschnigg auch nur im Traum daran dachten, den moderaten Flügel der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei einzubinden. Sie wollten auch nicht in erster Linie Kommunismus und Nationalsozialismus abwehren - wie es Apologeten bis zum heutigen Tag mitunter gerne sehen wollen. Worum es den beiden christlichsozialen Politikern im Kern ging, war die Errichtung eines autoritären katholischen Staatswesens, in dem für Andersdenkende kein Platz war. Der Austrofaschismus steht für radikale Exklusion, nicht für demokratischen Pluralismus.

Auch wenn die Lunte am 12. Februar 1934 von sozialistischen Hitzköpfen in Brand gesteckt wurde, ist die politische Verantwortung für die Ereignisse dieser Tage und deren Folgen klar aufseiten der Exekutive zu verorten - und damit bei jenen Autokraten, die sich im Bündnis mit der Heimwehr und einer petrifizierten Kirche zu Verteidigern eines christlichen Abendlandes stilisierten. Die brutale Repression, mit der Dollfuß und Schuschnigg auf den Gewaltausbruch reagierten, wäre keineswegs ohne Alternativen gewesen. Sie nutzten den Anschlag des Schutzbundes auf ihre Autorität hemmungslos aus, um ihr eigenes politisches Ziel zu forcieren. Paul Sailer-Wlasits spricht in derselben Standard-Ausgabe zu Recht vom "Irrtum der 'geteilten Schuld'". Eine unvoreingenommene Beschäftigung mit historischem Kontext und Ereignissen vom Februar 1934 lässt es nicht zu, die Frage nach politischer Verantwortung zu relativieren.

Hinter diesen Stand der Geschichtsforschung sollte niemand zurückfallen. Nach acht Jahrzehnten ist eine Distanzierung von Dollfuß mehr als überfällig. Dass endlich in der ÖVP ein kritischer Blick auf diese Figur geworfen wird, darf als verspätetes Zeichen der Normalisierung gewertet werden. Es wäre ein Fortschritt, wenn die Ablehnung der autokratischen Versuchungen in Zukunft ohne Verrenkungen geschähe. (Johannes Koll, DER STANDARD, 12.2.2014)

Johannes Koll (49) ist Historiker. Er lehrt Geschichte an der Universität Wien und forscht an der WU Wien.

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