"Junge Sänger kommen mit den Noten auf dem iPad"

11. Februar 2014, 17:52
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Ab Samstag zeigt die Volksoper Wien Benjamin Brittens "Albert Herring", Brigitte Fassbaender inszeniert. Daniel Ender sprach mit der Jahrhundertsängerin und Regisseurin über Disziplin, den Fluch des Smartphones und Bigotterie

STANDARD: Mit "Albert Herring" haben Sie sich von Ihrer 13-jährigen Intendanz beim Tiroler Landestheater Innsbruck verabschiedet - ein Anlass, wehmütig zurückzublicken?

Fassbaender: Ich bin kein Mensch, der gerne zurückblickt, und schon gar nicht wehmütig. Die Jahre in Innsbruck waren eine sehr erfüllte, kreative und wichtige Zeit in meinem Leben. Der Abschluss war bewusst gewählt, weil ich in Innsbruck viel Britten gemacht habe, weil es ein wunderbares Ensemblestück ist - und weil es ein heiterer Abschied war.

STANDARD: Weil es eine Komödie ist?

Fassbaender: Ja, eine der raren Komödien für das Musiktheater, sehr geistreich und decouvrierend. Das Stück deckt Schwächen auf, Britten macht das auf sehr liebevolle Weise.

STANDARD: Es wirbelt auch die Geschlechterverhältnisse durcheinander.

Fassbaender: Ja, aber der Not gehorchend und nicht dem eige- nen Triebe. Wenn man keine Jungfrau vor Ort findet, nimmt man eben einen unbescholtenen Jüngling (als tugendhafte "Maikönigin" bzw. "Maikönig", Anm.). Dieses Loxford erscheint als bigottes Nest, aber was dort passiert, geschieht überall und auf dieselbe Weise.

STANDARD: Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Fassbaender: Nee! Ich habe diesen Begriff nie ganz verstanden. Natürlich bin ich dafür, dass Frauen gleichberechtigt arbeiten, und kann voll unterstreichen, dass sie in allen Positionen gleich viel zu bieten haben wie Männer. In meiner Berufswelt habe ich aber nie zu spüren bekommen, dass die Frau dem Mann "unterlegen" ist, weil etwa Primadonnen gleich gut bezahlt werden wie Tenöre.

STANDARD: Aber es gibt im Kulturbetrieb noch genug Männerdomänen, auch die Regie gehörte lange dazu.

Fassbaender: Als ich 1989 anfing, Regie zu führen, waren Regisseurinnen wirklich noch nicht sehr üblich. Das hat sich inzwischen gewaltig geändert, und in den Leitungspositionen ebenso. Da ist zum Glück schon viel passiert.

STANDARD: Würden Sie das Inszenieren als etwas Komplementäres zur Arbeit als Sängerin sehen?

Fassbaender: Ja, unbedingt. Ich habe noch in meiner aktiven Zeit als Sängerin mit der Regie begonnen. Wenn man für das Ganze verantwortlich ist, braucht man eine umfassendere Fantasie. Was mir außerdem geholfen hat, war, dass ich drei Schauspiel-Inszenierungen gemacht habe. Die Arbeit mit der Stille, ohne Musik, hat mir sehr viel für die Oper gebracht - für das Tempo, für die Subtilität, für den Umgang mit den Menschen auf der Bühne, für absolute Konzentration, was bei Sängern schwieriger ist. Aber man kann es auch erreichen: Präzision, Disziplin ... Ich bin halt Preußin, das Wort Disziplin ist eines meiner Hauptworte. Ohne die geht der Beruf nicht. Die ständige Ablenkung, der wir heute unterworfen sind, macht das allerdings nicht leichter.

STANDARD: Wird dadurch Oper nicht immer anachronistischer?

Fassbaender: Ja, leider. Und vor allem auch die Liederabende. Wo gibt es die denn noch? Die Konzentration auf diesen intimen Vorgang ist kaum mehr vorhanden, und außerdem ist es keine Eventkultur. Meiner Ansicht nach führen auch die ganzen kleinen Geräte, die wir ständig mit uns herumschleppen, zu einer Verflachung. So flach, wie diese Dinger sind, so flach ist auch die Bewältigung der Information.

STANDARD: Würden Sie sagen, dass sich Ihre künstlerische Arbeit durch diese Umwelt verändert hat?

Fassbaender: Die Wahrnehmung hat sich stark verändert, und man muss zeigen, dass auf der Bühne andere Gesetze herrschen: dass man brennen muss, dass man sich ganz aufreißen muss, dass man wahrhaftig sein muss. Das war immer so, aber heute ist die Scheu, sich wirklich hinzugeben, sehr groß. Diese Scheu muss man dauernd abbauen. Die jungen Sänger kommen heute ja mit den Noten auf dem iPad auf die Probe! Und durch die ständige mediale Ablenkung sind sie leider oft nicht mehr gut genug vorbereitet und gehen mit einem großen Defizit an Kenntnis der Materie in die Proben. Das ist natürlich ein Hemmschuh.

STANDARD: Allzu viele Details Ihrer aktuellen Inszenierung möchten Sie noch nicht preisgeben. Was ist denn für Ihre Regiearbeit generell das Wichtigste?

Fassbaender: Für mich es immer wichtig, mich voll mit den Figuren zu identifizieren, dass ich einen Background finde - woher kommen sie, wie leben sie? - und mich in alle Figuren hineinversetzen kann. Die Personenregie, der Mensch auf der Bühne ist für mich immer die wichtigste Aufgabe. Ich versuche aus Sängern immer gute Schauspieler zu machen - und das sind sie im Grunde auch: intuitivere, bodenständigere Schauspieler, die wunderbar aus der spontanen Intuition arbeiten können. Das Interesse an Menschen steht im Vordergrund. Und dazu muss man all das in die Figuren legen, was die Darstellung braucht. Da darf man nicht einfach nur dastehen und schön singen. (Daniel Ender, DER STANDARD, 12.2.2014)

Brigitte Fassbaender (73) war eine der prägendsten Sängerinnen der letzten Jahrzehnte. Seit den 1990er-Jahren hat sie den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Regie verlagert. Von 1999 bis 2012 war sie Intendantin des Tiroler Landestheaters Innsbruck. Seit 2009 leitet sie das Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen und den Eppaner Liedsommer in Südtirol.

  • Kammersängerin Brigitte Fassbaender will aus Sängern Schauspieler machen.
    foto: volksoper/marc gilsdorf

    Kammersängerin Brigitte Fassbaender will aus Sängern Schauspieler machen.

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