Schönheit für L'Oréal, Gesundheit für Nestlé

11. Februar 2014, 17:33
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Der Schweizer Nahrungsmulti gibt Anteile am französischen Kosmetikhersteller ab

Was auf dem Papier wie eine kleine Kapitalbereinigung aussieht, ist in Wirklichkeit ein historischer Strategiewechsel. Wenige Monate bevor ihr jahrzehntealter Aktionärspakt ausläuft, entflechten sich Nestlé und L' Oréal kapitalmäßig. Der Westschweizer Konzern gibt acht seiner 30 Prozent an dem Kosmetik-Weltleader ab. Dafür bezieht er rund sechs Milliarden Euro. Zum einen zahlt L'Oréal 3,4 Mrd. Euro in bar. Außerdem übernimmt Nestlé die gemeinsame Tochter und Hautspezialistin Galderma voll, der Buchpreis wird mit 2,6 Mrd. Euro angegeben.

Der Deal leitet eine strategische Trennung ein: L'Oréal konzentriert sich künftig auf sein Stammgeschäft mit der Schönheit, Nestlé auf die Sparte Gesundheit. Der Multi schafft rund um Galderma die Tochtergesellschaft Nestlé Skin Health.

Offen lässt Nestlé den Grund für den teilweisen Rückzug. Ökonomisch gibt es kaum einen Grund dafür, denn L'Oréal bleibt eine hochrentable Affäre. Am Montagabend erst hatte das Flaggschiff der französischen Schönheitsindustrie Rekordzahlen für Umsatz (23 Mrd. Euro) und Gewinn (2,96 Mrd. Euro) vorgelegt. Zudem ist Nestlé auf das Geld keineswegs angewiesen. Mit dem Erlös aus den L'Oréal-Aktien wollen die Schweizer nun eigene Aktien zurückkaufen.

Distanz

Eher scheint es, als sei es der Wunsch der Familie Bettencourt, etwas Distanz zu dem mächtigen, mehr als dreimal so großen Partner vom Genfersee zu schaffen. Heute hat die Tochter Françoise Bettencourt-Meyers (60) im Haus das Sagen, nachdem sie ihre Mutter Liliane wegen Altersdemenz kaltgestellt hat.

Nestlé betont allerdings, man wolle die Entwicklung von L'Oréal "im Einklang mit der Familie Bettencourt-Meyers" weiter begleiten, so wie man es "seit vierzig Jahren" gemacht habe. Die Kooperation reicht weit zurück: Nestlé-Manager hatten 1971 den L'Oréal-Slogan "Weil ich es mir wert bin" abgesegnet. Der Glamourfaktor, dem schon L'Oréal-Musen wie Claudia Schiffer oder Cindy Crawford ihr Antlitz liehen, verdrängte danach den Blick auf die eher düsteren Seiten der Kapitalverflechtung zwischen Paris und dem Nestlé-Sitz in Vevey. L'Oréal-Gründer Eugène Schueller hegte kaum verblümte Nazi-Sympathien und wurde 1942 ein wichtiger Aktionär bei Nestlé. Sein Geschäftspartner André Bettencourt - der Schuellers Tochter Liliane heiratete - arbeitete nach dem Krieg seinerseits bei Nestlé. Aus dieser Verbindung entstand 1974 der Aktionärspakt.

Vierzig Jahre später orientieren sich beide Konzerne neu. Ob es der Anfang vom Ende einer Elefantenhochzeit ist, muss vor allem die neue Schlüsselfigur Françoise Bettencourt-Meyers entscheiden. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 12.2.2014)

  • Françoise Bettencourt-Meyers.
    foto: reuters

    Françoise Bettencourt-Meyers.

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