Revolution wär’ eine prima Alternative

12. Februar 2014, 12:37
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über "Fadinger oder Die Revolution der Hutmacher" von Ernst Ludwig Leitner/Franzobel

Wie geht die Oper heute mit einem Volkshelden um, mit einem in der Erinnerungskultur steinern Umkränzten, mit einem der Anführer eines der größten Aufstände der österreichischen Geschichte, mit Stefan Fadinger, Bauer und laut einigen Quellen auch Hutmacher? Reist man in die Geschichte zurück, um die Legende abzustauben, zum Leben zu erwecken, um zu eruieren, wie Rebellion entsteht und woran sie scheitert? Reflektiert man, welche Traumata die extrem blutige Niederschlagung nach sich auslöste, Wunden, von denen sich Oberösterreich nach Meinung manch eines kritischen Einheimischen jahrhundertelang nicht erholte? Wie hat sich derartige Brutalität auf die Mentalität ausgewirkt?

Oder stellt man die offizielle Darstellung auf den Kopf, gewappnet mit Recherche und Phantasie, inszeniert eine Gegen-Geschichte, die all die gemütlichen Abziehbilder zerreißt?

Ein weiterer Zugang wäre, das Exemplarische im Gegenwärtigen aufgehen zu lassen, die damaligen Konfliktlinien in heutige Antagonismen zu übersetzen. Da wäre es mit simpler Parallelität nicht getan, das weiß der Librettist Franzobel: In einer späten Szene des Stücks träumen die Aufständischen von utopischem Glück, von Maschinen, von fließend Wasser und von einem Leben ohne Hunger, mit anderen Worten von heutigen Zuständen (der hochverschuldete Kleinbauer gegen die gierigen Banken wäre eine zu einfache Konstellation).

Nein, man müsste sich auf das Aufbäumen konzentrieren, auf das Streben nach einer anderen Welt und dies wiederum müsste das ehrwürdige Opernpublikum, das überwiegend aus Systemgewinnlern besteht, zumindest ein wenig provozieren. Die Sehnsucht nach Revolution müsste demnach als lauernde Energie auf eine Bühne gebracht werden, die fest im Herrschenden verankert ist. Das ist eine immens schwierige Herausforderung, der momentan kaum jemand gewachsen sein dürfte.

Foto: Christian Rachwitz

Der Komponist Ernst Ludwig Leitner, der Schriftsteller Franzobel, der Regisseur André Turnheim schließen keine der skizzierten Varianten aus, entscheiden sich aber auch für keine. Diese Unentschlossenheit ist ihre größte Schwäche. Das Bühnenbild (Einfamilienhaus, spießig, lustfeindlich, transparent) vermittelt dem Zuschauer mit beachtlicher Wucht eine lähmende Erkenntnis: "Lasst alle Hoffnung fahren." In dieser Welt ist Revolution, denkt man sich, nur mehr ein Wort, das von jenen, die Autos frisieren, benutzt wird.

Die Sprache von Franzobel ist mal altertümelnd, mal dialektal eingefärbt, mal alltagsnah, mal hochdeutsch. "Hat er halt a bissel was kapiert, wie es zugeht auf der Welt." Aber es reimt sich, mit fatalen Folgen:

"Wir wollen mit Tyrannen raufen,

wir lassen uns nicht kaufen."

Es dürfte evident sein, dass eine Formulierung wie "mit Tyrannen raufen" grausame Realität wie auch exemplarische Seriosität verniedlichend wegwischt.

Dramaturgisch ist alles drin, was man sich vorstellen kann: häusliches Flehen, Folter, Vergewaltigung, die Perversion des Frankenburger Würfelspiels, angewandte Astrologie, Brandstiftung, Krieg. Der 2. Akt beginnt mit einer Aufzählung von Ortsnamen, darauf folgt ein Siegestanz über die ausgespritzte Suppe. Danach Streit, Verrat, Kugelzauber, Tod. Die polystilistische Musik folgt effektvoll diesem dramatischen Höhenprofil, sie rauscht und stürmt, sie greint und klagt; Perkussion (inklusive Schnarrtrommel) wird selten markant eingesetzt, inmitten von tonalen Reihen, die gelegentlich fast zum Tanz laden, einige Bach'sche und Brahm'sche Echos. All das ist zugänglich und nachvollziehbar, gelegentlich sogar betörend.

Foto: Christian Rachwitz

Die Literatur (das Theater, die Oper) neigt dazu, das Böse ins Schillernde zu überhöhen. Mephisto, der erotisierende Virtuose des Bösen, dient als ewiges Vorbild. Die Figur des Grafen von Herberstorff, gesungen von Daniel Lager, einem Countertenor mit viel Ausstrahlung, bildet keine Ausnahme. Er möchte geliebt werden, dieser feinfühlige, gelegentlich versponnene Schlächter. Man würde sich nicht wundern, wenn er in seiner Freizeit Gedichte lesen und Schachrätsel lösen würde. Am Ende gesteht er sich gar seine Liebe zu Fadinger ein, beschwört eine spirituelle Seelenverwandtschaft, die einem die Socken auszieht. Wir wissen inzwischen, dass Brutalität auch die Täter brutalisiert, wir wissen aus vielen Studien über Nazismus und Stalinismus und Faschismus in Lateinamerika, wie dumpf, verachtend, entmenschlichend die Haltung der Mächtigen und ihrer Schergen ist. Herberstorff ist reiner Hohn.

"Mein Beruf ist Dichter und Revolutionär", wird Franzobel im Programmheft zitiert. Leider ist "Fadinger" in keiner Weise revolutionär, weder ästhetisch, noch philosophisch, noch politisch. Es war vergnüglich, es war ohrschmiegsam, es war am Ende des Abends durch und durch affirmativ.

Highlight: Die Chorszenen, oft gewaltig, meist berührend, zugleich kraftvoll wie auch subtil komponiert; sie vermitteln, wie es sich anfühlen könnte, wenn das Volk aufbricht.

Coda: Vor dem Eingang des neuen Linzer Musiktheaters steht eine Skulptur, ein großer Haufen vermeintlicher Kanonenkugeln in verschiedenen Größen. Nach "Fadinger" ein klareres Signal: der Mensch als Kanonenfutter. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 12.2.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
Fadinger oder Die Revolution der Hutmacher von Ernst Ludwig Leitner/FranzobelLinzer Musiktheater, 8. Februar 2014
 
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    Fadinger oder Die Revolution der Hutmacher von Ernst Ludwig Leitner/Franzobel
    Linzer Musiktheater, 8. Februar 2014

     

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