"Ocwirk war eine Erscheinung"

Interview11. Februar 2014, 20:10
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Ernst Ocwirk galt als einer der besten Mittelfeldspieler seiner Zeit. Im Interview sprechen seine Freunde Alfred Körner und Theodor Wagner über die WM 1954, den Respekt von Ferenc Puskas und die Tränen, die sie bei Ocwirks Tod vergossen haben

Der ehemalige Rapid-Stürmer Alfred Körner und der Ex-Wacker-Spieler Theodor "Turl" Wagner laden uns zum wöchentlichen Treffen der Alt-Internationalen ein. Die Zusammenkunft im Hanappi-Stadion kurz vor Neujahr ist gut besucht, irgendwann sitzen wir mit Körner und Wagner an einem Tisch, dazu gesellen sich Otto Fodrek und Hans Buzek als Zuhörer und Stichwortgeber. Unsere Gesprächspartner machen anfangs keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber Journalisten. Das Interview ist eine Ausnahme. Sie machen es nicht für den ballesterer, sondern für Ernst Ocwirk.

ballesterer: Wie oft schwelgt man hier noch in Erinnerungen an Ernst Ocwirk?

ALFRED KÖRNER: Es sind nur mehr wenige von der 54er-Mannschaft da, trotzdem ist er eigentlich immer ein Gesprächsthema. Ocwirk war in der Jugend beim FAC, dann ist er zum Rapid-Training gekommen. Der Verein hat aber hinter seinem Rücken mit dem FAC über Robert Dienst verhandelt, so hat sich das dann zerschlagen, und der Ocwirk ist ein Jahr später zur Austria gegangen. Wir haben immer ein gutes Verhältnis gehabt. Er war einer der fairsten Mittelläufer oder Centrehalf, wie man damals gesagt hat.

THEODOR WAGNER: Ich habe ihn schon in der Jugend gekannt. Er war beim FAC, ich in der B-Jugend von Wacker. Der Lange hat eine Ausstrahlung gehabt, das war ein Traum. Er ist dann zu unserem Aushängeschild geworden.

Warum war er so populär?

WAGNER: Das war eine Charaktersache. Er hat jeden angesprochen und war mit niemandem böse. Nur war er sehr empfindlich gegenüber ungerechtfertigter Kritik. Wir haben einmal in Ungarn gespielt, und da haben schon alle angefangen, dass wir das WM-System spielen sollen. Sie haben gesagt, dass der Ossi zu schwach und zu alt ist. Er war selbst dafür, das WM-System zu spielen. „Allein werde ich das im Zentrum nicht mehr schaffen“, hat er gesagt. Was ja nicht gestimmt hat. Wir haben damals mit ihm als offensivem Centrehalf auch bei der WM in der Schweiz gespielt und alle niedergebügelt.

Wie könnte man Ocwirks Charakter beschreiben?

WAGNER: Ossi hatte nur gute Seiten. Ich wüsste nichts Schlechtes.

KÖRNER: Vor allen Dingen wollte er immer gewinnen. Er war zwar nicht der typische Antreiber, aber man hat sich auf ihn verlassen können. Und seine Pässe sind alle angekommen. Damals haben wir ja noch mit fünf Stürmern gespielt. Ich würde ja mit dem Fußball aufhören, wenn ich mit nur einem Stürmer spielen müsste.

Herr Wagner, Sie haben auch einmal als Gastspieler mit der Austria gegen Ernst Ocwirk und Sampdoria gespielt.

WAGNER: Ja, das war 1959. Da war ich beim SVS Linz, nachdem ich von Wacker weggegangen bin. Der Ossi hat gesagt, er möchte unbedingt gegen den Turl spielen. Wir waren ja gute Freunde im Team. Ich war immer mit dem Tormann Franz Pelikan, dem König der Reservisten, in einem Zimmer. Und dann sind alle rübergekommen. Das ist eine Hetz gewesen.

KÖRNER: Da haben sie sich dann immer ausgemacht, wie sie Rapid 
schlagen können!

WAGNER: Was wir vielen voraus hatten: Wir haben 13 Weltklassekicker gehabt. Da waren auch Wichser dabei, aber die auch Weltklasse.

Der Schriftsteller Friedrich Torberg meinte über Ocwirk, er sei die Seele der Mannschaft, und sein Spiel stelle die einzig praktikable Anwendung des Kollektivprinzips dar. Stimmen Sie zu?

KÖRNER: Das kann man unbedingt sagen. Ocwirk hat gut gesprochen, wunderbar gespielt, die Passes sind gekommen. Als Stürmer hast du nicht rangeln brauchen, weil der Pass eh perfekt war. Und dann haben wir ein bisserl Tore geschossen auch noch. Eine andere Zeit. Überall höre ich jetzt, der Fußball ist schneller geworden. Ja, schneller müde werden alle.

WAGNER: Es ist so: Rechtsaußen war meist der Körner Robert, den hast du kurz anspielen müssen, der war nicht auf die 20-Meter-Pässe aus. Dann war da der Ernst Melchior, den hast du jagen müssen, weil der erst nach 50 Metern warm geworden ist. Das sind die Unterschiede, die der „Ossi“ gekannt hat. Er hat ganz genau gewusst, wann es Zeit für welchen Pass war. Heute können sie ja nicht mehr Fußball spielen. Die verstehen das nicht. Rennen können sie aber, das will ich keinem vorwerfen.

KÖRNER: Wir äußern uns ja gar nicht mehr über den heutigen Fußball, weil da wäre ich lieber Handballer geworden.

WAGNER: Ich könnte darüber auch nichts Gutes sagen.

Es scheint, als hätte Ernst Ocwirk seine Popularität nicht wirklich genossen …

KÖRNER: Er war zurückhaltend und nie auf Sensationsberichte aus. Das waren wir aber alle nicht.

WAGNER: Der Ossi hat ein bisserl Komplexe gehabt. Nach einem Ländermatch hat jeder seine Zeitung genommen und den Bericht gelesen. Er hat das nie gemacht, weil er Angst vor der Kritik gehabt hat. Die Journalisten haben damals schon alle deppert gemacht. Die haben geschrieben, dass der „Ossi“ nicht mehr in die Mannschaft passt und dass wir mit 27 Jahren zu alt fürs Team sind. Da muss man sich ja auf den Kopf greifen. Ich habe Kritiken aus der Zeit von Matthias Sindelar zu Hause, da ist genau der gleiche Blödsinn drinnen gestanden.

KÖRNER: Meine Freunde waren sie nie, die Journalisten. Die haben jeden Tag ohne nachzudenken irgendwas schreiben können. Aber ich muss mich in einen Fußballer reinfühlen können, der kann nicht immer Höchstleistungen bringen.

In der damaligen Nationalmannschaft standen Kaliber wie Ernst Happel, Ernst Stojaspal, Gerhard Hanappi, Karl Koller und Sie beide. Warum war Ocwirk trotzdem der unumschränkte Kapitän?

KÖRNER: Fußball ist ein Mannschaftssport, das war eine unserer Stärken. Wenn der eine mal ausgelassen hat, hat ihn ein anderer mitgerissen. Der Ossi hat das sehr gut gekonnt. Er hat sich immer Gedanken gemacht, wenn es nicht gleich so gelaufen ist.

WAGNER: Am Fußballplatz ist er richtig munter geworden. Vorher und nachher hast du ihn nicht ansprechen brauchen. Wenn er geglaubt hat, er hat schlecht gespielt, war’s aus. Er hat sich selber immer hinterfragt. Er wollte immer besondere Leistungen bringen. Und selbst dann hat er noch seine eigenen Fehler aufgezählt. Er war ein Perfektionist. Als er bei der Admira Trainer war, habe ich mir einmal ein Training angeschaut: Er war taktisch und technisch am höchsten Stand.

Hat es unter den Alphatieren Reibereien gegeben? Ocwirk hat Robert Dienst in einem Derby 1949 ja auch einmal eine Ohrfeige gegeben.

KÖRNER: Geschimpft ist auch genug worden, aber nach dem Match war wieder alles vorbei, und wir waren Freunde. Sonst hätte das ja nicht jahrzehntelang gehalten. Seit 48 Jahren organisiere ich diese Treffen. Als Journalisten habt ihr ein Glück, dass ihr heute da seid. Ihr seid die einzigen Journalisten, die ich je reingelassen habe, sonst keinen. So, sind wir fertig?

Nein, eigentlich nicht. Ernst Happel kann man sich ohne seine Belga-Zigaretten gar nicht vorstellen, und auch Walter Zeman genoss gern ein Glas Wein, aber Ocwirk wird stets als Saubermann präsentiert.

WAGNER: Der Boniperti von Juventus hat einen Buckel gemacht vor ihm in der Weltauswahl. Die waren alle per Herr Ocwirk mit ihm.

KÖRNER: Es hat keine Skandale gegeben. Der Ocwirk hat spartanisch gelebt. Nichts geraucht, nichts getrunken. Er hat immer auf sich geschaut.

WAGNER: Der Lange hat einen unglaublich guten Namen gehabt. Seine Ausstrahlung beim Hinausgehen auf den Platz war einzigartig. Er hat dafür noch nicht einmal einen Ball berühren müssen. Und wenn er einen Pass über 50 Meter gemacht hat, ist der auf den Fuß runtergefallen. Herrlich.

KÖRNER: Erzähl die Geschichte vom Puskas!

WAGNER: Die Ungarn waren meist besser als wir, aber vorm Ossi hat Puskas Respekt gehabt. Im Spielergang hat der schon gefleht: „Ossi, nicht auf die Füße.“ Das war natürlich ein Schmäh, aber der Ocwirk kannte mit dem Ferenc trotzdem kein Pardon und hat ihm ordentlich eingeschenkt.

Früher sind die Spieler nach einem Match ja oft zum Heurigen gegangen. War Ocwirk bei solchen Treffen dabei?

KÖRNER: Sehr selten. Der Ossi war verheiratet und hat sehr zurückhaltend gelebt. Stillschweigend hat er seine Arbeit gemacht und ist dann verschwunden.

WAGNER: Er hat immer in sich hineingehört. Was habe ich schlecht gemacht, wo zwickt’s. Da hast du ihn nicht anreden 
können. Einmal haben wir gegen Ungarn 3:4 verloren und wurden dabei vom Schiedsrichter richtig runtergetragen. Und da hat der Edi Finger geschrieben – da wird sich vielleicht jetzt sein Bub aufregen, aber das ist mir wurscht: „Ocwirk ist das Übel der Nationalmannschaft“. Der Lange war wie erschlagen. Ich habe ihm damals gesagt, er soll sich das nicht zu Herzen nehmen, weil er eine super Partie gespielt hat. Aber er war fertig. Damals haben sie schon langsam versucht, die Alten rauszudrängen. Dann bin ich drangekommen, dann der Fredi, einer nach dem anderen. Die Jungen müssen aber von den Alten lernen. Das ist in einer Fabrik so, das ist überall so.

Wie haben Sie die schwere Krankheit von Ernst Ocwirk miterlebt?

WAGNER: Ich war dabei, als ihm die Achillessehne gerissen ist – er war da gerade Admira-Trainer. Er ist dann in die Schweiz gefahren, wo diese schlimme Diagnose gestellt worden ist. Am Schluss war er nur noch 1,40 Meter groß, ganz zusammengesunken. Ich habe seine Frau Martha mehrmals angerufen, ob wir vorbeikommen dürfen. Sie hat immer gesagt: „Bitte nicht, wenn er euch reinkommen sieht, wird er narrisch.“ Die Vorstellung, wir kommen alle rein, und er liegt da drin im Gitterbett, war das Ärgste für ihn. Für ihn war das ein Wahnsinn. Der große Ocwirk. Er war eine Erscheinung, die nie wieder kommen wird.

KÖRNER: Es ist zu bedauern, dass er so jung gestorben ist. Wir haben geweint um ihn. Das waren ehrliche Tränen. Er war ein echter Freund.  (gekürzte Fassung, Interview: Clemens Gröbner, Fotos: Daniel Shaked)

  • Inhalte des ballesterer (www.ballesterer.at) Nr. 89 (März 2014) – seit 12. Februar im Zeitschriftenhandel und digital im Austria-Kiosk (http://kiosk.at/ballesterer)!
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  • Links Wagner, rechts Körner, WM-Dritte 1954.
    foto: daniel shaked

    Links Wagner, rechts Körner, WM-Dritte 1954.

  • Ocwirk im Dress von Sampdoria Genua.
    foto: privatarchiv ocwirk

    Ocwirk im Dress von Sampdoria Genua.

  • Mit einem 9:1-Sieg in Wien vor 60.000 Zuschauern war die WM-Qualifikation 1954 bereits nach dem Hinspiel klar. Mann des Tages war der fünffache Torschütze Erich Probst. Die weiteren Treffer erzielten Ernst Happel, Theodor Wagner, Ernst Ocwirk und Robert Dienst.

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