Warum die Saatgutverordnung nicht böse ist

Leserkommentar11. Februar 2014, 14:31
170 Postings

Bevor man lauthals die "Ausrottung aller Gemüsesorten" kritisiert, sollte man sich genauer mit den Hintergründen der Saatgutverordnung beschäftigen

Wie heißt es so schön bei Rousseau: "Er liebt die Tataren, damit es ihm erlassen bleibe, seinen Nachbarn zu lieben." Die Umgekehrte, deshalb nicht weniger beliebte Gefühlsinvestition passiert ständig mit der EU: Man liebt nostalgieverklärtes EU-Bashing, damit es einem erlassen bleibe, sich um Wahrheitsgehalt, Hintergründe und Sinn von Anordnungen und Vorschriften zu kümmern. Dem Ruf nach Freiheit wird so Genüge getan, man erspart sich das Durchdenken von Sachzwängen der nächsten Umgebung, von Verhältnismäßigkeit (nichts im Leben ist sicher!) und eigenem Konsumverhalten.

Besonders beliebt sind Lebensmittel-Themen. Gerade jetzt geistert in Medien und Internet-Foren das Schlagwort "Saatgutverordnung" herum. Und ohne sich weiter zu informieren, wird von der Ausrottung "Alter Sorten", der Geschmackstilgung bei Obst und Gemüse, vom Ruin der Kleinbauern, dem Terror gegenüber kleinen Saatgutzüchtern gesprochen.

Gemüse-Mythen

Sofort nützt Global 2000 diese Klischeepropaganda für die öffentliche Wahrnehmung. Österreichs Spitzenköche und Journalisten wie Severin Corti schließen sich dem Ruf nach Freiheit für Feld und Beet vollinhaltlich an und zitieren ihr Karma von Frische und Vielfalt vom Lieblingslandwirt. Wollen sich gegen die angeblich fesselnde und knebelnde EU-Verordnung wehren.

Auch die "Arche Noah" protestiert, beileibe kein Kleinbetrieb, sondern eine höchst gewinnorientierte Firma. Was ja noch keine Schande wäre, wenn die Eigenbeschreibung der Wahrheit entspräche: Sie sei ein "einzigartiges Sortenarchiv", letzte Rettung von Geschmack und Qualität vor dem von der EU erzwungenen Einheits-Früchtebrei.

Und von der falschen Behauptung, pflanzengenetische Ressourcen zu retten, ihr Saatgut aber von bestehenden staatlichen Genbanken zu beziehen: Angeblich rare, vom Aussterben bedrohte Pflanzen wie Blaue Erdäpfel, Kipfler-Bohnen, Znaimer Gurke, die Paprikasorte Wiener Calvill, Wiener Haferbirne oder Zuckerwurz, Einkorn oder Brünnerling, und wie viele der angebotenen Obst-, Gemüse- oder Kornsorten alle heißen - oft bloß marketingstrategisch unterschiedlich bezeichnet - sind in vielen Genbanken gut geschützt, können auch von kleinen Saatgutzüchtern bezogen werden (z.B. bei Austrosaat) und sind von der EU als Sortenvielfalt anerkannt. Wie zum Beispiel 3.500 Sorten von Tomaten. Wer sich dafür interessiert, wo welches Saatgut in Österreich angeboten wird, kann das hier erfahren.

Wozu EU-Verordnungen da sind

Wer gegen EU-Verordnungen wettert, sollte sich einmal klarmachen, wozu sie da sind. Wie so oft, so auch im Falle der Saatgutverordnung nicht dazu, um die teuflische Industrie zu schützen, sondern in erster Linie den Verbraucher. Was man dagegen haben kann, dass Saatgut rein, besatzfrei, keimfähig, sorten- und formenecht (also unterscheidbar und nicht mit verwirrenden Phantasienamen versehen) und beständig sein muss, ist unverständlich. Oder dass es phytosanitären Mindeststandards entsprechen muss, um eine Erkrankung der Pflanzen und des Bodens zu vermeiden. Oder dass es sich problemlos weiterzüchten lässt.

Und dann erschallt garantiert der Aufschrei "Aber die armen Kleinbauern, man treibt sie in den Ruin, weil sie es sich nicht leisten können, selbstgezüchtete Sorten registrieren zu lassen!" Auch das ist nichts als nachgeplapperter Mumpitz. Kleinbauern züchten nur ganz, ganz selten, weil es ohnehin unzählige registrierte Sorten gibt. Wenn sie es tun und damit Geld verdienen wollen, dann müssen sie sich, wie in jeder Branche, eben gewissen Regeln unterwerfen, die hygienisch durchaus Sinn machen und den Konsumenten schützen.

Deshalb muss man dafür eine Erhaltungszucht anmelden. Damit ist man dann auch haftbar für etwaige Schäden, eine Verantwortung, vor der sich viele NGOs, die gegen Kontrolle protestieren, drücken wollen. Ein Fachmann hat dafür einen schönen Vergleich gebracht: "Bei 'Saatguttausch', wie er jetzt praktiziert wird, ist es wie bei wechselndem Geschlechtsverkehr ohne Gummi. Irgendwann fang ich mir was ein: Wir haben beim Saatgut Viren-, Bakterien- und Pilzinfektionen....".

Vielfalt ist gut

Aber nochmals: alte Sorten anbauen und vertreiben darf jeder, sie müssen halt "gesund" (siehe oben) sein. Vielfalt ist gut und nützlich. Nicht immer billig, denn viele Sorten eignen sich nicht gut zur Lagerung oder zum Transport und bringen nur schwache Erträge. Das sind die Gründe, warum sie nicht so gerne gepflanzt werden und daher selten zu sehen sind - aber verboten sind sie nicht! Der EU ständig Dinge vorzuwerfen, die eigentlich viel Nützliches enthalten (nobody ist perfect, keine Frage) ohne auch nur ein wenig Hintergrundinformation zu sammeln, ist sicher kontraproduktiv. Vor allem für den immer sinnloser immer ängstlicher werdenden Konsumenten. (Leserkommentar, Elisabeth Hewson, derStandard.at, 11.2.2014)

Elisabeth Hewson ist freie Journalistin in Wien. Sie hat mitunter das "Bio Ketzer Buch" mitverfasst.

Share if you care.