Nagelprobe Bildungsstandards

Leserkommentar11. Februar 2014, 13:14
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Ein Erziehungswissenschaftler über die Sinnhaftigkeit der Erhebung von Bildungsstandards

Nun wurden die Bildungsstandards an den österreichischen Schulen also erstmals erhoben. Worum geht es? Ganz einfach: Es wurden in Österreich flächendeckend getestet, was die österreichischen Schülerinnen und Schüler - alle, keine Stichprobe! – am Ende der 4. Klasse Volksschule in Mathematik und am Ende der 4. Klasse Hauptschule, Neuen Mittelschule oder der Unterstufe des Gymnasiums im Fach Englisch können.

Deutsch in der Volksschule kommt dann später dran, auch Mathematik bei 14-Jährigen. Da kocht die Diskussion über das Schulwesen in Österreich wieder hoch – gut so! Aber nicht alle sind dieser Meinung.

Teaching to test

Darf man das überhaupt – wenigstens versuchsweise - flächendeckend erheben, was die Schülerinnen und Schüler, abseits von Schulnoten und Zeugnissen objektiv wirklich können? Nein, sagt der Schweizer Pädagoge Künzli im Standard vom 1. Feber. Sein grundsätzlicher Einwand: Wenn man von außen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler abtestet, dann richten die Lehrerinnen und Lehrer ihr Augenmerk im Unterricht nur mehr auf diese Tests. Teaching to the test, heißt das im Fachjargon. Aber das, so Künzli, zerstört den Unterricht, die Lehrer-Schüler-Beziehung wird beeinträchtigt.

Eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler sehr in Ehren, aber wesentlich scheint mir schon auch, dass die Schülerinnen und Schüler in den 500 Stunden Englischunterricht von der 5. bis zur 8. Schulstufe etwas lernen. Sonst geht es ihnen es ihnen wie mir, der ich mit Sehr gut in Englisch maturierte, aber in England oder den USA glatt verhungert wäre, wenn man mich als 19-Jährigen dort ausgesetzt hätte. Meinen Shakespeare kannte, die Times und die Grammatik auch. Aber Englisch konnte ich nicht. Das sollte nun - eben auch durch die Überprüfung dieser Bildungsstandards – seltener passieren.

Schulsystem darf gemessen werden

Erstens also: Ein Schulsystem darf daran gemessen werden, was die Schülerinnen und Schüler dort lernen, bevor sie diese Einrichtung verlassen. Eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung wird das auch leicht zu Wege bringen, dass die Unterrichteten ihre Lehrerinnen und Lehrer mögen und auch oder gerade deshalb viel lernen.

Zweitens biete eine solche Testung den Anlass, verschiedene Schulsysteme, die wir in Österreich gegenwärtig haben, miteinander zu vergleichen: Wie gut können die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe des AHS, der alten Hauptschule und der Neuen Mittelschule nach 500 Stunden Unterricht Englisch? Die Lehrpläne sind ja in allen drei Systemen auf dem Punkt und Beistrich genau die gleichen.

Da wird es nun richtig spannend. Die letzten zehn Jahre österreichischer Schulpolitik waren ja geprägt von der Debatte über dieses dreigliedrige System und über die Neue Mittelschule. Braucht man diese Neue Mittelschule überhaupt? Was ist sie wert – vor allem in Verhältnis zu dem, was sie kostet? Lernen die Schülerinnen und Schüler an dieser Neuen Mittelschule nun wirklich lieber, besser, mehr?

Die Neue Mittelschule hat bei dieser Testung der Englischleistungen, vorsichtig gesagt, sehr bescheiden abgeschnitten. Die Leistungsunterschiede zur Unterstufe des Gymnasiums sind bemerkenswert, der Unterschied zur alten Hauptschule ist fast zu vergessen.

Jetzt triumphiert also Herr Wilhelm Zillner, Direktor des Gymnasiums in Kirchdorf an der Krems - Aussage im STANDARD: Was muss das Gymnasium also noch alles tun, um zu beweisen, dass es die bessere Schule ist und seine Abschaffung den Untergang des Abendlandes einläutet?

Herr Zillner sollte vorsichtig sein: Wenn ein Schultyp wie das Gymnasium die Möglichkeit hat und ausnützt, sich die leistungsfähigsten 30, 50 oder 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler herauszufischen – das sind nicht unbedingt die intelligentesten, aber die gefördertsten, für die die Eltern auch in die Tasche greifen, um Nachhilfestunden zu finanzieren - dann darf er nicht sonderlich mit den Vorzügen einer solchen Schule prahlen.

Es könnte ja nicht nur an dieser guten alten Schule liegen, sondern dem – böses Wort! – hervorragenden Schülermaterial, das seine Schule besucht. Der Volksmund sagt dazu nicht untreffend "Mit der vollen Hose ist gut stinken". Man könnte Herrn Zillner auch fragen, warum diese handverlesene Schülerschaft nicht noch besser Ergebnisse erzielt hat.

Gemeinsam unterrichten

Drittens: Die gegenwärtigen Neuen Mittelschulen in Österreich sind keine Neuen Mittelschulen. Es sind weitgehend die alten Hauptschulen, denen man ein neues Türschild verpasst hat. Das Modell der Neuen Mittelschulen sieht vor, dass dort alle Schülerinnen und Schüler einer Region gemeinsam unterrichtet und alle bis zum des 8. Schuljahres bestmöglich gefördert werden. Es gibt aber keine einzige solche wirklich Neue Mittelschule im Land.

Was es gibt, das sind ein paar hundert AHS-Lehrerinnen und –Lehrer – die allermeisten in den ersten Dienstjahren, also berufsunerfahren, aber oft hoch motiviert, die gemeinsam mit den alten Hauptschullehrerinnen - und –lehrern an diesen so genannten Neuen Mittelschulen unterrichten. Die Kundschaft, die Schülerinnen und Schuler, an diesen Neuen Mittelschulen ist aber genau die gleiche wie jene in den alten Hauptschulen. Es gibt keine einzige AHS-Unterstufenklasse weniger seit es diese Neuen Mittelschulen gibt.

Im Gegenteil: Die AHS-Klassen werden sogar mehr, wenn es nur genügend Raumangebot dafür gibt, und alle sind bis auf den letzten Platz ausgebucht. In den Klassen der Neuen Mittelschule wären aber noch einige Plätze frei. Also: Warum sollen die Neuen Mittelschulen um so viel bessere Ergebnisse bei solchen Kompetenzüberprüfungen bringen, wenn die Schülerschaft die gleiche geblieben ist?

Viertens, und hier hat die so genannte Neue Mittelsschule einigen Erklärungsbedarf: In diesen Schulen unterrichten – gerade in Englisch – in vielen Stunden zwei Lehrerinnen oder Lehrer, oft auch solche mit einer universitären Ausbildung, eine Klasse gemeinsam. Doppelte Besetzung also, aber die Ergebnisse unterscheiden sich kaum von dem, wenn nur eine oder einer vor der Klasse steht - wie in der alten Hauptschule. Welchen Schluss lässt das zu? Ganz offenkundig gelingt es diesen Lehrerinnen und Lehrern nicht, dieses doppelte Betreuungspotenzial so einzusetzen, dass es wirklich der Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler dient. Da ist diese Doppelbesetzung das eingesetzte Steuergeld nicht wert. Da herrscht Handlungsbedarf. Aber dringend.

Ergebnisse genau analysieren

Wenig hilfreich sind Pauschalurteile. Hilfreicher wird es sein, diese Ergebnisse genau zu analysieren. Die hier und in anderen Medien diskutierten Werte sind ja nur Durchschnittswerte. Nun gibt es genügend Schulen oder auch einzelne Klassen, in denen die erreichten Werte deutlich über diesem Durchschnitt liegen. Hier gilt es anzusetzen. Wer sind die Schülerinnen und Schüler in diesen Klassen? Vor allem aber – was passiert in diesen Klassen im Englischunterricht genau? Was tun diese Lehrerinnen und Lehrer, wie gestalten sie ihren Englischunterricht? Denn sicher ist, dass in diesen Klassen nicht weiter unterrichtet wird wie anno dazumal, und der oder die zweite gibt das Beiwagele oder den Hilfssheriff.

Von diesen Lehrerinnen und Lehrern müssen die anderen lernen. Zwingend. Verpflichtend. Denn das ist schon klar: Ohne diesen deutlichen Nachweis, dass es an den Neuen Mittelschulen besser gelingt, Potenziale bei den Schülerinnen und Schülern besser auszuschöpfen als an den alten Hauptschulen, hat diese Doppelbesetzung von Stunden keine Berechtigung. (Leserkommentar, Siegfried Winkler, derStandard.at, 11.2.2014)

Siegfried Winkler (67) ist Erziehungswissenschaftler in Telfs, Tirol.

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