Sotschi: Spritzen nur, wenn unbedingt nötig

13. Februar 2014, 10:22
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Wettkampfarzt Franz Unger begleitet die österreichischen Skistars nach Sotschi - Wozu ihn die "Needle Policy" verpflichtet

Wettkampfärzte sind Sportmediziner und werden von Veranstaltern sportlicher Wettbewerbe für die medizinische Versorgung der Athleten eingesetzt. In Sotschi wird der Oberösterreicher Franz Unger mit von der Partie sein. Der Unfallchirurg, Sport- und Allgemeinmediziner begleitet das alpine Skiteam in das Gebirgsdorf Krasnaja Poljana.

Unger ist als Teamarzt von 17. bis 23. Februar für die männliche Riege im alpinen Skisport zuständig - allerdings nicht auf der Piste. "Die Erstversorgung bei einem Unfall im Rahmen eines Rennens übernehmen die Rennärzte vor Ort". Unger ist für die kleinere "Wehwechen" zuständig, dazu gehören auch allgemeinmedizinische Probleme, wie Infekte, die im Rahmen so einer Großveranstaltung naturgemäß auftreten.

Rechtlicher Rahmen

Über das aktuelle Anti-Doping-Reglement ist er informiert - Die Behandlung von Infekten oder Schmerzen, aufgrund der "Verbotsliste" nicht immer ganz einfach. Besonders heikel ist nach wie vor der Einsatz von Spritzen bei Olympischen Spielen. Den rechtlichen Rahmen für Wettkampfärzte hat das International Olympic Committee (IOC) mit der "Needle Policy" eng gesteckt.

"Diese Verordnung ist als Konsequenz - weil bei der Internationalen Ruderregatta in Luzern 2007 neben dem Hotel der russischen Mannschaft eine ganze Menge Spritzen entdeckt wurden- entwickelt worden", sagt Jürgen Steinacker, Leiter der Abteilung Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum in Ulm. 18 russischen Sportlern sei eine Infusion verabreicht worden. "Da fragt sich natürlich jeder, ob es da mit rechten Dingen zugeht ", so Steinacker.

Verpflichtende Dokumentation

Natürlich haben aber auch Sportler das Recht auf bestmögliche medizinische Versorgung. Ist eine Injektion oder Infusion also medizinisch indiziert, dann ist der Einsatz nach wie vor möglich. Eine Behandlung mit Nadeln während der Olympischen Spiele ist jedoch anzeigepflichtig - sprich der Arzt muss die Anwendung auf einem Merkblatt dokumentieren und anschließend dem IOC melden. "Dokumentation ist wichtig, weil der Arzt dadurch gezwungen ist zu begründen, warum er beispielsweise fünf Athleten dieselbe Diagnose stellen würde", befürwortet der deutsche Sportmediziner, Internist und Kardiologe diese Vorschrift.

Konkret soll mit der "Needle Policy" der prophylaktische Gebrauch von Schmerzinfusionen, Vitaminspritzen oder Placebobehandlungen verhindert werden. "Damit werden nur Abhängigkeiten geschaffen, die nicht im Sinn des Sportlers sind und in einer Doping-ähnlichen Mentalität münden", so Steinacker.

Grenzen ärztlicher Ethik

Unger sieht den prophylaktischen Einsatz von Vitaminspritzen und Nahrungsergänzungsmitteln ebenfalls kritisch: "Bei einer ausgewogenen Ernährung, ist die Einnahme solcher Präparate nicht erforderlich".  Verantwortungsbewusstes Handeln setzt er bei jedem Arzt voraus.

Als problematisch bezeichnet der deutsche Experte einen Passus der "Needle Policy", der den Off-Label-Use von Medikamenten verbietet. Arzneimittel dürfen demzufolge niemals außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt werden. Steinacker fürchtet die Handlungsfähigkeit des Arztes hier eingeschränkt, nimmt die Mediziner aber nicht aus ihrer Pflicht: "Ärzte dürfen nicht durch falsch verstandenen Aktionismus die Grenzen ärztlicher Ethik übertreten. Solche Überbehandlungen können dazu führen, dass indirekt die Grundlagen ärztlicher Tätigkeit im Sport zerstört werden." (Regina Walter, derStandard.at, 13.2.2014)

  • Den prophylaktischen Einsatz von Spritzen sehen auch Mediziner kritisch.
    foto: apa/lukas barth

    Den prophylaktischen Einsatz von Spritzen sehen auch Mediziner kritisch.

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