Das koreanische Neujahr – Seolnal

Blog mit Video11. Februar 2014, 17:02
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Das Neujahrsfest als große Familienfeier, die schon am frühen Morgen beginnt

Dieses Jahr fiel das Neujahr, neben dem Erntedankfest Chuseok im Herbst das größte Fest im koreanischen Kalender, auf den 31. Jänner, den ersten Tag des Lunarkalenderjahres. Alle Familienmitglieder treffen sich dazu im Haus des Vaters oder ältesten Bruders, weibliche Verheiratete feiern Neujahr mit der Familie ihrer Ehemänner und besuchen ihre Eltern zumeist am Nachmittag oder am folgenden Tag.

Die meisten Südkoreaner - mehr als 80 Prozent - wohnen in urbanen Gebieten, deshalb sind die Autobahnen stadtauswärts um Neujahr und Erntedankfest immer hoffnungslos verstopft. Alles quält sich in die Dörfer, die hauptsächlich von alten Leuten bewohnt werden, und verkeilen sich dann in den einspurigen Dorfstraßen, die für Verkehr absolut nicht ausgelegt sind, nachdem sie die Autobahntortur hinter sich gebracht haben. Wir haben das Glück, dass der älteste Bruder meiner Frau in Busan wohnt, denn die stadteinwärts führenden Autobahnen sind fast leer.

Mit unseren beiden Kindern holen wir meine Schwiegermutter in Jinju ab und kommen am Tag vor Neujahr in Busan an. Im ganzen Haus duftet es nach köstlichen Speisen, die emsig zubereitet werden.

"Verbeugungsgeld"

Am nächsten Tag geht es schon früh mit den Feierlichkeiten los, mit müden Augen schiele ich zur Uhr, die kurz vor sechs anzeigt. Bald darauf ziehen unsere Tochter Maya und zwei ihrer Cousinen, Haechi und Haeyeon, den traditionellen Hanbok an und verbeugen sich vor uns und ihrer Großmutter, dann verbeugen wir uns vor der Mutter meiner Frau, um ihr ein gutes neues Jahr zu wünschen. Die Kinder bekommen nach der Verbeugung Geld und können so ihr Taschengeld aufbessern. "Früher gab es kein Saebaedon ('Verbeugungsgeld'), und heute bekommen die Kinder von allen Verwandten zusammen oft 150 Dollar", meint Leas Tante, "damals bekamen wir nur Reiskuchen."

Dann wird der Gabentisch aufgestellt, in der Küche wird fleißig gekocht, andere stauben die hölzernen rotbraunen Gabenschüsseln ab, die nur für den rituellen Gebrauch bestimmt sind und in einer besonderen Truhe (im Video in der fünften Sekunde rechts im Bild zu sehen) aufbewahrt werden.

Die knifflige Frage nach der Position der Erdbeere

Die Anordnung der Speisen obliegt dem ältesten Bruder meiner Frau, der die hergerichteten Speisen auf den Tisch stellt. "Hong dong baek seo", Rot im Osten, Weiß im Westen, in diesem Fall liegt Osten links. Im Osten werden die heimischen Früchte aufgestellt, im Westen Früchte, die zwar heutzutage in Südkorea nicht nur gang und gäbe sind, sondern auch angebaut werden, aber früher in Südkorea nicht heimisch waren. Das ist der Grund, warum die Erdbeere trotz ihrer roten Farbe auf der westlichen Seite des Tisches aufgestellt wird.

Süßspeisen werden auch im Westen aufgestellt, wie auch Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte im Osten. In der ersten Reihe befinden sich von Ost nach West geschälte ungekochte Maroni, Datteln, koreanische Birnen (manchmal der Form wegen auch Apfelbirne genannt), Äpfel, Persimonen und Hongchi (weiche Persimonen), getrocknete Persimonen, Erdbeeren, Mandarinen, Tomaten (gelten in Südkorea als Früchte), eine Wassermelone und Bananen.

In der zweiten Reihe panierter Fisch, gebratene Meeresfrüchte mit Fleisch, paniertes Gemüse, gebratene Süßkartoffeln, gebratener Tofu (fünf gebratene Speisen sind vorgeschrieben, die jedoch von Familie zu Familie verschieden sind), kleine Meeresfrüchteburger, Tintenfisch, Sojasauce, Pollacksuppe (heller Seelachs), koreanische Süßspeisen und gebratenes Rindfleisch. In der dritten und letzten Reihe getrockneter Pollack, darauf liegt ein Kranz aus getrocknetem Kalmar, Seebrasse und Adlerfisch, koreanische Süßspeisen, Reiskuchen und gekochtes Schweinefleisch. Am Kopf des Tisches steht eine Ahnentafel, davor eine kleine Trinkschale.

Jeweils im Osten und Westen steht eine Kerze, vor dem Tisch eine geschlossene Schale mit Reis, in die später Räucherstäbchen gesteckt werden, und eine leere Schüssel, in die später der dargebotene Alkohol (je nach Familientradition Sake, Makkoli oder Soju) geleert wird.

Auffallend ist die Abwesenheit von Gemüse. Beim Erntedankfest befindet sich auf dem Gabentisch sehr viel Gemüse, zu Neujahr gibt es stattdessen eine Reiskuchensuppe (nicht süß, wie der Name vermuten lässt). Aus gemahlenem Reis werden lange Würste geformt, die dann in Scheiben geschnitten werden. Diese langen Reisschlangen stehen für langes Leben.

Das Ritual

Das Ritual wird von dem ältesten Bruder und seinen beiden Söhnen durchgeführt. Stillschweigend wird dem Vater, repräsentiert durch die Ahnentafel, dreimal Alkohol und eine Schüssel Reiskuchensuppe dargebracht, in die ein Löffel gesteckt wird (die Suppe ist sehr dickflüssig, deshalb bleibt der Löffel auch stecken). Beim Erntedankfest hingegen werden Stäbchen in eine Schale Reis gesteckt, deshalb darf man beim Essen die Stäbchen bzw. den Löffel niemals in den Reis in der Reisschale bzw. in die Suppe stecken.

Auf der Ahnentafel steht in chinesischen Schriftzeichen sinngemäß: Als sie ein Leben des Lernens hinter sich haben, kommen sie mit gereinigtem Geist. Auf der Ahnentafel für weibliche Ahnen, deren Text leicht von der männlichen Version abweicht, würde zusätzlich noch der Familiename stehen, da die Nachkommen den Familiennamen des Vaters übernehmen, Frauen jedoch auch nach der Heirat ihren Familinenamen behalten.

Während sich die drei oben Genannten im Raum direkt verbeugen, tun die anderen männlichen Angehörigen das vor dem Raum, die Frauen stehen in der Küche und tratschen. Nach dem Ritual, das nur wenige Minuten in Anspruch nimmt, nimmt sich jeder etwas von dem Gabentisch, dann beginnt Uembok. Jetzt werden die Speisen vom Gabentisch miteinander gegessen, und obwohl erst früher Vormittag ist, wird kräftig Alkohol ausgeschenkt. Man vergnügt sich mit Kartenspielen (Hwatu) und anderen Spielen wie dem Yutnori, wie im Video zu sehen ist.

Am Nachmittag kommen die Schwestern meiner Frau mit ihren Familien, und man sitzt gesellig beisammen und plaudert bei ein paar Schälchen Reiswein.

"Früher erstreckte sich das Neujahrsfest bis zum ersten Vollmond, ständig kamen Verwandte und Dorfbewohner, die man bei sich bewirtete. Das vermisse ich schon", erzählte die älteste Schwester meiner Frau.

Kontroversen

Diese konfuzianistische Ahnenverehrung ist nicht ganz unumstritten. Buddhistische Mönche führen diese Riten nicht durch, da sie mit dem Eintritt in den Tempel ihren früheren Namen ablegen und das Band mit den Eltern durchtrennen. Viele Christen, besonders Protestanten, lehnen diese Ahnenverehrung ab, da sie diese für eine nichtchristliche Sitte und Abergauben halten. Es gibt jedoch auch andere Gründe, die von vielen Menschen in Südkorea über die verschiedenen Religionen hinweg geteilt werden: patriachalische, konservative Züge dieser Ahnenverehrung, die Arbeit für die Frauen bedeutet, während die Männer sich vergnügen.

In zwei Wochen, am ersten Vollmondtag des neuen Jahres, findet der zweite Teil des Neujahrsfests statt. Während Seolnal ein Familienfest ist, feiert am Vollmondtag das ganze Dorf gemeinsam. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 11.2.2014)

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