Eine transatlantische "Entente cordiale"

10. Februar 2014, 23:16
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Zehn Jahre nach dem Irakkrieg entdecken Paris und Washington Gemeinsamkeiten

Wer vor gut zehn Jahren erklärt hätte, François Hollande werde einmal den USA den militärischen Weg weisen, hätte als Witzbold gegolten. 2003 hatte George Bush der Welt mit seiner Irak-Invasion gerade den Meister gezeigt, nachdem Jacques Chirac im UN-Sicherheitsrat vergeblich mit einem Pariser Veto gedroht hatte – einzige Folge: Die "French Fries"  hießen fortan "Freedom Fries". Hollande war damals bloß ein farbloser Parteisekretär.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute reiht Hollande als Präsident Militärschläge in Mali und Zentralafrika aneinander. Nach dem Giftgaseinsatz in Syrien hatte er seine Rafale-Jäger schon in Bereitschaft bringen lassen, um das Regime anzugreifen. Den letzten Befehl gab er nur deshalb nicht, weil US-Präsident Barack Obama den Einsatz im letzten Moment abblies.

Probleme bei Iran-Deal

Paris lässt aber nicht locker: Außenminister Laurent Fabius brachte die Verhandlungen mit dem Iran fast zum Scheitern, und sein US-Kollege John Kerry musste ihm gut zureden, damit Paris den Atomkompromiss mit Teheran schließlich doch noch billigte.

Hollande ist gewiss nicht der neue Falke der Weltpolitik; er lässt sich wie Obama von innenpolitischen Interessen leiten. Darin sind sich die beiden Präsidenten ähnlich: Sie handeln kühl überlegend, ohne das Sendungsbewusstsein ihrer Vorgänger Bush oder Nicolas Sarkozy. Letzterer verstand sich denn auch schlecht mit Obama. Nachdem er sich gegenüber Bush als leidenschaftlicher "Freund Amerikas"  geoutet hatte, verhehlte er später kaum seine fast schon eifersüchtigen Ressentiments gegenüber den Obamas.

NSA: Gelassene Franzosen

Die beiden aktuellen Präsidenten sind sich auch nicht herzlich zugetan – aber sie stellen eine neue "Entente cordiale"  ihrer Länder zur Schau, da dies beider Interessen dient. Obama überlässt Hollande den Vortritt bei Militäreinsätzen in West- und Zentralafrika; Hollande verschont ihn dafür vor allzu heftiger NSA-Kritik. Die Franzosen bleiben da viel gelassener als etwa die Deutschen.

So wird das Thema Lauschangriff beim Staatsbesuch Hollandes Nebensache bleiben. Der französische Präsident weiß, dass er daraus keinen innenpolitischen Gewinn ziehen kann. Im Gegenteil: Ihm ist daran gelegen, sich als Staatsmann auf Augenhöhe zu Obama zu geben.

Der wiedergefundene Einklang zwischen den früheren Erzrivalen wurde schon am ersten Besuchstag gefeiert. Hollande und Obama besuchten am Montag die Residenz des frankophilen US-Präsidenten Thomas Jefferson (1801–09) in Monticello, um daran zu erinnern, dass Frankreich der "älteste Verbündete"  der USA ist, wie Kerry kürzlich meinte.

Nach Affäre im Umfragetief

Zu fürchten hat Hollande in diesen vier Tagen bloß lästige Journalisten. Sie könnten etwa fragen, ob es einst wohl der freizügige Geist Frankreichs gewesen war, der Jefferson bewogen hatte, als Botschafter in Paris eine Liebesaffäre mit der Sklavennachfahrin Sally Hemmings zu beginnen.

Hollande dürfte auf diese Debatte ebenso wenig eingehen wie auf seine Trennung von Valérie Trierweiler. Allerdings muss er sich immerhin eine Antwort auf die Frage überlegen, warum er die Obamas solo besucht – ohne seine Geliebte Julie Gayet. Diese Affäre kommt ihn teuer zu stehen: Er kommt in Frankreich derzeit nur auf 19 Prozent Zustimmung. Im Weißen Haus darf sich Monsieur le Président also derzeit fast willkommener fühlen als im Élysée. (Stefan Brändle aus Paris /DER STANDARD, 11.2.2014)

  • Hollande und Obama bei der Lektüre in der Residenz des ehemaligen US-Präsidenten Jefferson.
    foto: reuters/downing

    Hollande und Obama bei der Lektüre in der Residenz des ehemaligen US-Präsidenten Jefferson.

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