Liebe, Sex und Glaubenskrisen

10. Februar 2014, 18:39
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Neues von Lars von Trier, Dominik Graf und Alain Resnais

Es war ein düsteres Wochenende auf der Berlinale, vollgeräumt mit Glaubenskriegen und Glaubenskrisen. "Einen Priester an einem Sonntag zu töten, das macht was her", gibt zu Beginn von John Michael McDonaghs Calvary ein Mann im Beichtstuhl preis. Eine Woche lässt er den Pfarrer (Brendan Gleeson) noch am Leben, obwohl dieser mit der Tat in gar keiner Verbindung stand.

In Kreuzweg genügt der religiöse Wahn eines 14-jährigen Mädchens, um dieses geradewegs ins Verderben zu führen. Maria (Lea van Acken) opfert sich in Dietrich Brüggemanns Wettbewerbsbeitrag für ihren kleinen Bruder auf. Der Leidensweg Christi wird hier in 14 Plansequenzen auf ein modernes Fallbeispiel übertragen.

Beide Filme - der erste eine populäre Kreuzung aus Krimi und Gesellschaftskomödie, der andere ein heillos übersteuerter Autorenfilm - bewegen sich in Nischen, die auf Großfestivals oft anzutreffen sind. Lars von Triers neuer Film Nymphomaniac verkörperte eine dritte Form, die solche Grenzen sprengt: Trotz Starbesetzung und spekulativem Thema gelingt es dem Dänen in seinem relevantesten und stilistisch wendigsten Film seit längerer Zeit, sich selbst treu zu bleiben. Die Berlinale zeigte die erste Hälfte eines Director's Cut, der sich von der zügiger geschnittenen, um einige explizite Aufnahmen gekürzten Fassung (ab 21. Februar im Kino) nicht allzu sehr unterscheidet. In beiden Varianten überzeugt der Film als überraschungsreiche, kluge und oft sehr komische Auseinandersetzung mit einer Frau, der sexbesessenen Joe (Stacy Martin), die ihr Begehren keiner gesellschaftlicher Norm unterwirft.

Im Wettbewerb fand sich mit Dominik Grafs Historienfilm Die geliebten Schwestern eine weitere Arbeit, in der Liebe und Passion einen Ausweg aus starren Verhältnissen bieten. Es geht um die Schwestern Charlotte von Lengenfeld und Caroline von Beulwitz, die mit dem Dichter Friedrich von Schiller eine rastlose Ménage-à-trois eingehen - unter denkbar schwierigen Voraussetzungen: Caroline ist unglücklich verheiratet, für Charlotte hat man wiederum auf einen betuchteren Lebenspartner als den verlumpt wirkenden Schreiberling gehofft.

Gesellschaftlicher Ausbruch

Dass die Liebenden unbeirrbar füreinander fühlen und einstehen, darüber lässt Graf in fließend impressionistischen, dann wieder punktuell temperamentvollen drei Stunden keinen Zweifel aufkommen. Das Trio denkt sich Codezeichen aus, schickt sich verschlüsselte Briefe, versucht eine Utopie zu leben, die an der Etikette des späten 18. Jahrhunderts vorbeizielt - und zugleich zum Zeichen eines viel umfassenderen gesellschaftlichen Ausbruchs wird. Die geliebten Schwestern ist ein Film mit einem sehr spezifischen Rhythmus, einmal knapp, fast abstrakt in der Montage, dann wieder uferlos, detailversessen; und dennoch wirkt er organisch und rund: ein tadelloses Unterfangen.

Liebeswirren der frivoleren Sorte stehen im Mittelpunkt von Alain Resnais' Aimer, boire et chanter (Life of Riley), einer weiteren Alan-Ayckbourn-Adaption des Regiedoyens. Es handelt sich um eine dieser klassischen, mit großer Eleganz exekutierten Gesellschaftsspiele des bereits 91-Jährigen. Am Anfang steht der traurige Befund der Krebsdiagnose von George, einer Figur, die niemals die Bühne betritt. Dafür erhalten die in Routinen festgefahrenen Ehen dreier Mittelschichtpaare in Yorkshire durch die neu erwachte Energie des Todgeweihten Dynamik. Die Frauen lassen sich von dessen Überschwang schnell anstecken. Die anfängliche Wehmut der Männer verwandelt sich rasch in Eifersucht.

Resnais' jongliert mehr mit Gefühlen, er glaubt nicht ernsthaft an sie. Sein gewohnt spielfreudiges Ensemble zitiert emphatisch große Gesten und entkräftet sie gleich selbst wieder mit Ironie. Die Schauplätze des Films sind bühnenhaft, künstlich, die Großaufnahmen erinnern, vor schwarz-weiße Flächen arrangiert, an Ausrufezeichen in Comics. Resnais' Kino macht Formen sichtbar, anstatt sie zu vertuschen. Sogar ein Stofftiermaulwurf gräbt sich zweimal ans Licht. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 11.2.2014)

  • Frankreichs Regiedoyen Alain Resnais adaptiert wieder Alan Ayckbourn: Hippolyte Girardot und Sabine Azéma in "Aimer, boire et chanter".
    foto: berlinale/ borrel

    Frankreichs Regiedoyen Alain Resnais adaptiert wieder Alan Ayckbourn: Hippolyte Girardot und Sabine Azéma in "Aimer, boire et chanter".

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