Italiens Grenzgänger fürchten um ihre Jobs

10. Februar 2014, 17:43
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Bisher lockten Steuervorteile viele italienische Unternehmer in den Kanton Tessin

Viele Grenzgänger, die tagtäglich aus der Lombardei in die benachbarte Schweiz zu ihrem Arbeitsplatz pendeln, zeigten sich am Montag besorgt. Ihre Anzahl hat sich in den letzten drei Jahren von 35.000 auf 50.000 erhöht. Die neuen schweizerischen Bestimmungen könnten ihren Job gefährden, meint etwa Sergio Rossi, als er in der Stazione San Giovanni in Como um 8.22 Uhr den Zug nach Mendrisio im Kanton Tessin besteigt. Bloß 16 Minuten dauert die Fahrt.

Rossi arbeitet seit fünf Jahren beim italienischen Modemacher Ermenegildo Zegna. "Wir sind mehr als 400 Beschäftigte, großteils Italiener. In Italien leben und in der Schweiz arbeiten ist super."  Die Löhne in der Schweiz sind höher, die Steuern aber niedriger. Nun könnte sich das Blatt wenden. "Wir werden das nicht ohne Proteste hinnehmen. Wir planen bereits einen Aufstand!" Allerdings wollen die Grenzgänger abwarten, ob und wie sich für sie das Alltagsleben ändert.

In letzter Zeit habe sich das Arbeitsklima im Tessin gewandelt. Die Schweizer nahmen die wachsende Anzahl von italienischen Firmen mit italienischen Angestellten mit immer größerer Skepsis zu Kenntnis. Nicht zuletzt, da auch hier im Tessin die Arbeitslosenquote gestiegen ist. In bestimmten Berufen, etwa bei Installateuren und bei den Modelabels, haben die Italiener das Sagen. Auch im Bankgewerbe hat der italienische Einfluss zugenommen. Das war den vor einer Umstrukturierung stehenden Banken im Südschweizer Kanton Tessin ein Dorn im Auge. So ist auch zu erklären, dass bei der Volksabstimmung knappe 70 Prozent der Tessiner für eine Begrenzung der Zuwanderung stimmte.

Den Anstoß gab der Umstand, dass sich die Italiener mit geringeren Löhnen und weniger Sozialversorgung begnügen als die Schweizer. Der Soziologe Jean Ziegler macht die Regierung in Bern für dieses Lohndumping verantwortlich: Sie habe nicht interveniert, weil sie unter Druck der Unternehmer steht.

43 versus 25 Prozent Steuern

Keine 20 Kilometer entfernt vom Grenzübergang Como-Chiasso ist ein Modedistrikt mit rund 4000 Beschäftigten entstanden. Bekannte italienische Modemacher haben hier 400 Millionen Euro in neue Logistikzentren, Verwaltungsbüros und Produktionsanlagen investiert. In Italien müssen die Unternehmen im Schnitt 43 Prozent Steuern an den Fiskus in Rom abführen. In der Schweiz sind es maximal 25 Prozent.

Auch bei Infrastruktur, Transport- und Verwaltungskosten hat die Schweiz Vorteile. Der Standortwechsel in die Eidgenossenschaft ist einer der Gründe dafür, dass die italienische Luxusindus­trie bisher unbeschadet durch die Finanzkrise gekommen ist. (Thesy Kness-Bastaroli aus Como /DER STANDARD, 11.2.2014)

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