Triumph der Buchhaltung über die Künste

10. Februar 2014, 17:08
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Peter Handkes "Wunschloses Unglück" als Fernsehkrimi im Kasino des Burgtheaters

Wien - Regisseurin Katie Mitchell hat im Kasino am Schwarzenbergplatz Kärnten nachbauen lassen. Nicht ganz Kärnten, das wäre sich vom Platz her nicht ausgegangen. Für Peter Handkes literarische Verlustanzeige Wunschloses Unglück (1972) reichen ein paar Zimmer aus. Handkes Mutter, Einwohnerin der Marktgemeinde Griffen, war 51 Jahre alt, als sie Selbstmord beging.

Handkes Text ist die Bestandsaufnahme eines entsagungsvollen Frauenlebens. Im Kasino spielt Dorothee Hartinger großartig die Rolle Maria Handkes. Stumm mischt sie an der Abwasch den Tablettencocktail. Aus der Wäschekommode nimmt sie eine Monatshose, zieht sie über, stärkt sie noch mit Binden. Um ihren Kiefer wickelt sie nach Genuss des Gifttranks einen Schal. Zum Sterben bahrt sie sich auf dem Bett auf. Die Frau legt eine Behutsamkeit an den Tag, als wollte sie die Gegenstände in ihrer Umgebung von jeder Mitschuld freisprechen.

Kameras, fünf an der Zahl, bannen das Geschehen hautnah. Der Zuseher blickt wachsam auf den Screen, der über dem Kulissendorf hängt. Jetzt kann man die Fäden des Teppichbodens einzeln nachzählen. Die Lebenswelt von 1971 wurde von Mitchell und ihrem Team nachgestellt. Maria Handkes Sohn (Daniel Sträßer) erhält von der Lebensmüden einen eingeschriebenen Brief. Er sieht dem Pop-Star Handke zum Verwechseln ähnlich. Er trägt die Pilzkopffrisur, sein Kaspar hängt als Plakat an der Wand. Zur Lockerung hört er Bob Dylan, natürlich den "coolen" an der Schwelle zur Elektrifizierung (Bringing It All Back Home). Echt ist das alles nur als Musikkassette. Jung Handke reist überstürzt nach Kärnten ab. In der Vorstellungswelt der britischen Burgtheater-Gäste ist er ein etwas linkischer Privatschnüffler.

Das Theater Katie Mitchells ist vor allem ein Triumph der Buchhaltung über die schönen Künste. Man hat Wunschloses Unglück gelesen, die Fliegenbeine gezählt, die Versandhauskataloge von 1970 studiert. Technisch bis an die Zähne bewaffnet, übersetzt Mitchell Handkes Erzählung, ein unsterbliches Stück Weltliteratur, in ein Kriminal-Fernsehspiel.

Kulissenland Kärnten

Und weil Frau Handke am letzten Lebensabend im Kapsch-Fernseher eine Fritz-Eckhardt-Serie angeschaut hat, verwandelt sich Kärnten in Fernsehland (Bühne: Lizzie Clachan). Kulissen fahren hinauf und hinunter. Der Sohn schlüpft in einem Klagenfurter Hotel unter. Er will Mamas Schicksal in die Maschine hacken. Vorher ist noch Recherche in der Tatwohnung angesagt. Dort liegt die Tote aufgebahrt.

Die Halbschwester (Liliane Amuat) reicht den Wein, Jung Peter erkundet. Die Fäden des Teppichbodens sind alle vollzählig. Der Springinsfeld ruht nicht, bis er Mamas Geheimnis auf die Spur gekommen ist. Sie schämte sich ihrer NS-Begeisterung 1938. "Ja, das war es!", sagt sich Handke in Gedanken (Stimme: Peter Knaack). Damit hat Mitchell Handkes Text auf eine Binsenweisheit heruntergebrochen. Viel Applaus für einen sterilen Abend. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 11.2.2014)

  • Ihr stummes Spiel schmückt einen weitgehend sterilen Abend: Dorothee Hartinger als Handkes Mutter im Kasino.
    foto: apa/herbert neubauer

    Ihr stummes Spiel schmückt einen weitgehend sterilen Abend: Dorothee Hartinger als Handkes Mutter im Kasino.

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