Sotschi-Probleme

10. Februar 2014, 15:47
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Beim Eintreffen in Sotschi finden internationale Journalisten halb fertige, desolate Hotels vor. Ein Internet-Trend wird geboren: die "Sochi Problems"

"Horror", "Schock" und "das Allerschlimmste in Russland": So beschreibt das Boulevardblatt "Daily Mail" im "viral gegangenen" Bericht die aktuellen Zustände im olympischen Dorf in Sotchi. Der Anlass: Twitter-Nachrichten verschiedenster internationaler Journalisten mit Fotos ihrer Hotelzimmer und -Lobbys. Abstürzende Vorhänge, leere Coca-Cola-Schränke und freiliegende Kabel entsetzen gegenwärtig die toughen JournalistInnen dieser Welt. Und diese seltsamen kyrillischen Buchstaben erst! Wie im Film!

Prompt entstand ein Twitter-Account, der alle diese traumatisierenden Erfahrungen sammelt: @SochiProblems. Wenn dieser Beitrag veröffentlicht wird, wird der Account in wenigen Tagen über zweihunderttausend Abonnenten gesammelt haben, die sich gemeinsam über die fragwürdigen Umstände im olympischen Dorf lustig machen.

"Der eiserne Vorhang steht in vielen Köpfen nach wie vor", hält Olivera Stajic anlässlich der internationalen Häme fest. Die Frage hier: Würde man derart spotten, wenn es sich nicht ausgerechnet um den "wilden Osten" und Russland handeln würde? Wie viele unfotografierte, normale Klos, zufriedenstellende Zimmer und funktionierende Minibars stehen in Sotschi? Wie viele "lustige Übersetzungsfehler" gibt es in italienischen, spanischen und französischen Urlaubsorten, die gerade keine olympischen Spiele veranstalten? Selektive Wahrnehmung im "russischen Licht".

 

 

Bezeichnend ist auch, wo der aufgeschlossene, auf- und abgeklärte westliche Journalismus stattfindet: ausschließlich drinnen. Vor die Tür des Hotels scheint noch niemand gegangen zu sein. Nicht nur, dass diese Praxis ein trübes Licht auf JournalistInnen wirft - es lässt uns wie die verzogenen Fratzen aussehen, die wir sind. Nein, auch gehen andere, weitaus wichtigere Geschichten, als es die Zufriedenheit internationaler Meinungsmacher mit ihrer Unterbringung ist, im schallenden Gelächter unter. 

 

(Olja Alvir, daStandard.at, 10.2.2014)

 

  • ür einen Journalisten die größte Überraschung in Sotschi: "Bitte spülen Sie Toilettenpapier nicht runter. Werfen Sie es in den Papierkorb"
    foto: screenshot/twitter

    ür einen Journalisten die größte Überraschung in Sotschi: "Bitte spülen Sie Toilettenpapier nicht runter. Werfen Sie es in den Papierkorb"

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