Februarkämpfe 1934: "Die meisten Opfer waren Unbeteiligte"

10. Februar 2014, 16:16
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Noch heuer soll eine Datenbank aller Todesopfer des österr. Bürgerkriegs veröffentlicht werden - Die größte Opfergruppe: Unbeteiligte

Wien - Passanten, Kinder und alte Menschen: Die meisten Opfer des österreischischen Bürgerkriegs im Februar 1934 waren Unbeteiligte. Das zeigt eine Studie des Historikers Kurt Bauer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft, der an der namentlichen Erfassung und damit genauen Zahl aller Todesopfer arbeitet. Die Datenbank soll auf der Homepage des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) veröffentlicht werden.

"Die vorliegenden Angaben über die Opferzahlen des österreichischen Bürgerkriegs weichen stark voneinander ab", so Bauer. Die Bandbreite der bisher veröffentlichten Zahlen reiche von einigen hundert bis mehreren tausend Toten. Denn beide Seiten - der sozialdemokratische Schutzbund und der Verband aus Bundesheer, Polizei und den teils offen faschistischen, regierungstreuen Heimwehren - hätten Interesse daran gehabt, die Zahlen zu verändern.

Instrumentalisierte Opfer

Die regierungsnahe "Reichspost" veröffentlichte etwa eine Aufstellung, die 293 Opfer auf beiden Seiten zählte, gab jedoch "Schwierigkeiten" bei der Zählung zu - denn viele Angehörige von Schutzbund-Opfern hätten eine behördliche Meldung vermeiden wollen. Die durch das Regime von Engelbert Dollfuß ins Exil getriebenen Sozialdemokraten und Kommunisten kommunizierten dagegen möglichst hohe Opferzahlen und gingen von etwa 1.500 bis 2.000 Toten aus.

"Auch aufseiten des Dollfuß-Regimes gab es Tendenzen, die eigenen Opferzahlen nach oben zu lizitieren", sagt Bauer. Mindestens in drei Fällen lasse sich etwa nachweisen, dass aus dem 1934 errichteten "Denkmal für die Opfer der Exekutive" auf dem Wiener Zentralfriedhof die Namen von Personen verzeichnet seien, die gar nicht an den Kämpfen teilgenommen hatten, sondern zufällig zu Opfern wurden.

350 bis 370 Tote

In dem vom Zukunftsfonds der Republik Österreich finanzierten Forschungsprojekt "Die Opfer des Februar 1934" versucht Bauer nun, die genaue Anzahl der Opfer zu eruieren sowie eine Kollektivbiografie zu erarbeiten. Dafür wertet er sowohl Grabsteine und Gedenktafeln, zeitgenössische Polizeiberichte, Literatur, Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Grab- und Friedhofsverzeichnisse aus. Mitte dieses Jahres sollen die endgültigen Ergebnisse vorliegen und die Datenbank erstellt werden - eine Zwischenbilanz liegt jedoch bereits vor.

Insgesamt zählte Bauer 350 bis 370 Opfer der Februarkämpfe. "Die Todesopfer der beiden Kampfparteien halten sich ungefähr die Waage. Die stärkste Opfergruppe stellen allerdings die Unbeteiligten, also Nicht-Kombattanten, dar, die mehr oder weniger zufällig ins Kampfgeschehen gerieten", erklärte Bauer. Ihre Zahl liegt bei 120 bis 140 Personen. Die meisten Todesopfer gab es in Wien (200 bis 220), dann folgen Oberösterreich und die Steiermark.

Dies sei vor allem mit der stärkeren Industrialisierung dieser Bundesländer und damit der höheren Anzahl an Arbeitern zu erklären, so der Historiker. "Die Februarkämpfe beschränkten sich ausschließlich auf stark industrialisierte Bezirke". In Wien war die Anzahl der unbeteiligten Todesopfer besonders hoch - vor allem aufgrund der Kämpfe im dicht verbauten Gebiet.

Am 12. Februar 1934 brach der vier Tage währende Aufstand der Sozialdemokraten gegen das autoritäre faschistische Regime des christlichsozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß aus. Für die Sozialdemokraten war der Februar-Aufstand ein letzter Verzweiflungsschlag - ohne Aussicht auf Erfolg. Ihr bewaffneter Flügel, der Schutzbund, war bereits kurz nach der "Ausschaltung des Parlaments" durch Dollfuß 1933 verboten worden. Ihre letzte Machtbastion - das "Rote Wien" - wurde von der Regierung finanziell ausgehungert, brutale Übergriffe durch die Polizei standen auf der Tagesordnung. Der sozialdemokratische Generalstreik misslang, der Schutzbund war der Übermacht aus Bundesheer, Polizei und Heimwehren nicht gewachsen. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. (APA/red, derStandard.at, 10.2.2014)

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