Womöglich unmündige Taschendiebe: Nächste Verhandlung steht bevor

10. Februar 2014, 12:39
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Womöglich erst Zwölfjähriger saß 16 Tage in U-Haft - Jugendamt war über Prozess nicht informiert - Nun Verfahren gegen Mädchen aus derselben Bande

Wien - Der möglicherweise umündige Taschendieb, der am vergangenen Freitag nach 16 Tagen im Gefängnis als im Zweifel noch Strafunmündiger freigesprochen wurde und nach seiner Enthaftung von der Bildfläche verschwunden ist, ist kein Einzelfall. Am kommenden Freitag muss sich im Straflandesgericht ein Mädchen verantworten, das derselben "Kinderbande" angehört haben soll wie der untergetauchte Bursch.

Die beiden waren gemeinsam am 22. Jänner festgenommen worden. Als die kindlich wirkenden Verdächtigen in die Justizanstalt (JA) Wien-Josefstadt eingeliefert wurden, schlugen nach der APA vorliegenden Informationen der Tageskommandant sowie die Leiterin der Jugendabteilung in der JA unverzüglich bei Gericht Alarm: Sogar die Justizwache hatte Zweifel an der Strafmündigkeit der mutmaßlichen Diebe.

U-Haft nach Amtsarztverfügung

Ein Amtsarzt stufte die beiden allerdings nach einer Untersuchung auf jedenfalls über 14 ein. Obwohl die Betroffenen versicherten, jünger - also unmündig - zu sein, wurde über sie die U-Haft verhängt. Im Fall des Mädchens war dafür mit ausschlaggebend, dass sie am Rand ihrer Einvernahme bei der Polizei zugegeben haben soll, in Wahrheit 16 zu sein.

Was für die Staatsanwaltschaft ein Beweis dafür war, dass ihre ursprüngliche Altersangabe inhaltlich unrichtig war, könnte jedoch einen anderen Hintergrund gehabt haben: Die Beamten hatten, als das Mädchen sich eine Zigarette anzünden wollte, ihr im Hinblick auf die von ihr behauptete Unmündigkeit das Rauchen untersagt. Daraufhin gab das Mädchen - angeblich in "pampigem" Tonfall - an, sie sei eh schon 16.

Zumindest auf Fotos soll das Mädchen noch jünger ausschauen als der nur 1,55 Meter große, schmächtige und äußert kindlich wirkende Bursch, dem der Richter im Zweifel glaubte, das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet zu haben. Die Richterin, die am Freitag gegen das Mädchen wegen gewerbsmäßigen Diebstahls als Mitglied einer kriminellen Vereinigung verhandeln wird, hat ein zahnärztliches Gutachten zur Klärung der Altersfrage in Auftrag gegeben, das maßgebliche Bedeutung für den Ausgang des Verfahrens haben wird.

Jugendamt wusst nicht Bescheid

Das Jugendamt war über den Prozess gegen den Burschen nicht informiert. "Wir haben von der Verhandlung nichts gewusst und keine Ladung bekommen", sagte Jugendamtssprecherin Herta Staffa der APA.

Dabei "braucht es bei einem Prozess gegen einen Minderjährigen, egal ob er zwölf, 14 oder 16 Jahre alt ist, einen gesetzlichen Vertreter", erläuterte Staffa. Wenn die Eltern, wie im Fall des Buben, nicht greifbar sind, "dann sind wir zu verständigen", sagte die Sprecherin.

Richter Andreas Hautz hatte das Jugendamt nicht zur Verhandlung geladen, weil der Bub auf der Straße lebte und über keine Meldeanschrift verfügte. Er hielt sich nur an einzelnen Tagen und auch da immer nur stundenweise bei der "Drehscheibe" - einer sozialen Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge - auf. Zum gesetzlichen Vertreter hatte der Richter den Verteidiger des Burschen bestimmt. Das ist in Fällen üblich, in denen der Aufenthaltsort der Eltern von jugendlichen Angeklagten nicht bekannt ist oder es keinen Kontakt zwischen Eltern und Kindern gibt. 

Wohngruppen statt U-Haft

Nach Bekanntwerden des Falles hat sich am Montag die Wiener Jugendrichterin Beate Matschnig zu Wort gemeldet. Sie pochte in dieser Hinsicht auf die rasche Umsetzung von Alternativ-Modellen zur Haft für Jugendliche, die eine unter Ex-Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) eingesetzte Expertengruppe unter dem Schlagwort "Taskforce Jugendhaft" im Vorjahr erarbeitet hat. Die Jugendrichterin verlangte "Wohngruppen statt U-Haft, wobei es nötig wäre, dass man diese Wohnungen auch abschließen kann". Dies deshalb, um die Betroffenen am Davonlaufen zu hindern und sie gezielt betreuen zu können, was im Gefängnis infolge nicht vorhandener personellen Kapazitäten kaum bzw. nicht möglich ist.

Speziell die womöglich noch minderjährigen Taschendiebe, die derzeit Gegenstand medialer Berichterstattung sind, wären nach Ansicht Matschnigs in solchen Wohngruppen gut aufgehoben: "Diese Kinder sind Opfer. Sie gehören konkret einer Bande von 100 Kindern an, die gezielt zum Stehlen ausgebildet und von ihren Hintermännern durch ganz Europa geschickt werden. Sie werden in totaler Abhängigkeit gehalten, müssen ihre Beute abliefern."

Sobald diese in der Regel aus Südosteuropa stammenden Kinder 14 und damit strafunmündig sind, werden sie von der Straße abgezogen. "Man schickt sie dann zurück in die Heimat und weist ihnen dort jüngere Kinder zu, die sie dann zum Stehlen ausbilden", so Matschnig.

Dass die Strafverfolgungsbehörden ihr primäres Augenmerk auf die kindlichen Täter richten, hält die Jugendrichterin für nicht ausreichend: "Man müsste sich einmal die Mühe machen, die so lange zu beobachten, bis man an die Hintermänner herankommt." Insofern ist es für Matschnig unverständlich, dass der am vergangenen Freitag enthaftete Bub von der Polizei zwar der "Drehscheibe" übergeben, aber offenbar nicht weiter observiert wurde. Der Bursch tauchte sogleich unter und dürfte sich - die Vermutung liegt zumindest nahe - wieder im Umfeld seiner Bande befinden. (APA, 10.2.2014)

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