Motorrad-Buch: Vintage vom Feinsten

Rezension10. Februar 2014, 18:06
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Chris Hunter und Robert Klanten geben mit "The Ride" ein Buch heraus, das ein Leben verändern kann

Sonntag. Nachmittag. Draußen regnet es. Am Sofa ist es eindeutig gemütlicher als sonst wo. Die Tageszeitungen haben wir schon beim Frühstück erledigt. Im Buch, das gestern noch am Nachtkastl lag, ist inzwischen geklärt, wie es dazu kam, dass bei einem Bierfest ein Toter in einem Mobilklo gefunden wurde. Olympische Spiele gäbe es gerade. Aber Sport schauen ist noch langweiliger als Sport machen. Also folgt der Griff, rüber zum Couchtisch, auf dem ein Motorradbuch liegt. "the Ride". Irgendwas mit Custombikes. Wohl nicht spannend, aber immer noch besser als Winterspiele.

Die nächsten Stunden sollen wie im Flug vergehen. Gerade noch lag das Mittagessen schwer im Magen, jetzt ist es draußen so finster, dass man ohne Licht keinen einzigen Buchstaben lesen kann. Dass die Zeit so schnell verflog, liegt nicht daran, dass das Buch in Englisch geschrieben ist, einer Sprache, die ich noch weniger beherrsche als Deutsch, sondern weil der Funke schon auf den ersten Seiten übersprang. 

Eiskalt erwischt

Custombikes also. Da zangelt wer Totenköpfe auf Motorräder, dachte ich. Doch weit gefehlt. Die Motorradln in dem Buch fesseln den härtesten Customgegner. Eiskalt erwischt es mich. Mit einem Mal verstehe ich Motorradfahren ganz anders. Es geht nicht um die schnellste Runde, nicht um den weitesten Sprung, nicht um die ärgste Schräglage und das zerschlissenste Knie-Pad. Es geht ums Motorradfahren.

Chris Hunter, der nach rund 20 Jahren der Werbeindustrie den Rücken kehrt und mit Bike EXIF eine Seite mit aufgeputzten Motorradln ins Netz stellt, hat mein Hirn resetet, eine Art Korrektur in meinem Motorrad-Verständnis gemacht. Ach was, Korrektur. Korrekturen. Mit einem Mal verstehe ich die Café Racer, die Scrambler, die Bobber, die Street Tracker. "Vier Räder bewegen den Körper, zwei Räder die Seele", sind die ersten Worte von Chris Hunter in diesem Buch, ein Zitat, von dem angeblich niemand mehr weiß, von wem es stammt. Ich kannte es nicht – aber jetzt verstehe ich es mehr denn je.


 Ein Café Racer Dream. (Foto: Die Gestalten Verlag)

So richtig die Augen geöffnet hat mir die CRD#14, die Cafe Racer Dreams gemeinsam mit dem BMW-Spezialisten Pedro Garcia 2012 gebaut haben. Sie nahmen einen BMW R75/5 aus 1971 und machten in rund 200 Stunden daraus einen Vintage Scrambler, bei dessen Anblick einem kurz ein Seufzer auskommt. Sie konstruierten einen neuen Heckrahmen, putzen der Bayrischen etwas vom Gewicht runter, modernisierten die Dämpfer und bauten ein fesches Sitzerl drauf.


 Sinnreicher Einsatz für den Werkstoff Kupfer. (Foto: Die Gestalten Verlag)

Angetan hat es mir aber auch der Kupferstreifen auf der CM185–Tiny Moto, die Classified Moto 2010 aus einer 1978er Honda CM185T baute. Der Tank stammt von einer Dirt-Bike-Suzuki, der TS125, geben die Jungs an. Sie haben so ziemlich alles weggelassen, was man nicht braucht – wie halt auch Leistung und Drehmoment. Aber wenn man zu schnell fährt, sieht man den Packlträger aus Holz, mit dem Wasserski-Logo von Cypress Gardens Skis eh nicht. Außerdem, die Trommelbremsen mögen es auch lieber gemächlich, wie man sich vorstellen kann.


 Nicht im Bild: Der Spitzenklang der Kaffeemaschine. (Foto: Die Gestalten Verlag)

Deutlich flotter ist da schon der Café Racer von Kaffeemaschine, rund um Axel Budde, namens Maschine 6. Aus einer Moto Guzzi SP, Baujahr 1979, machte der Moto Guzzi Spezialist Budde ein Motorrad, das aus dem 1040 Kubikzentimeter großen Motor 95 PS holt. Er hat nicht nur am Äußeren gearbeitet, sondern auch an Ventilen, Zündung und Kupplung Hand angelegt. Der Auspuff ist übrigens handgemacht und auf Spitzenleistung ausgelegt. Spitzenklang dürfte dabei wohl so nebenbei mitpassiert sein.


Die Chupito: Bereit für die Fahrt in den Sonnenuntergang. (Foto: Die Gestalten Verlag)

Gut klingen dürfte auch die Chupito von El Solitario. Sie ist ein Street Tracker, der auf einer Ducati Road 350 aus 1977 basiert – oder eigentlich einer MotoTrans. Moto Trans baute zwischen 1957 und 1983 in Lizenz Ducatis, bevor sie von Yamaha ausgekauft wurden. Und von denen stammt diese Maschine, die auf den Bildern nicht nur mit den Beinen einer Blondine, sondern auch mit einem Hundeknochenschraubenschlüssel am Tank und zwei Kuhledersitzerl beeindruckt.

Abseits von Rundenzeiten

Mit der würde ich auch gerne in den Sonnenuntergang fahren. Auch wenn der Weg dorthin eine endlose Gerade ist. Und ich meine die Chupito, nicht die Blondine. Weil die endlose Freiheit auf zwei Rädern, die genießt jeder selber auf seinem Bock, habe ich bei der Lektüre beschlossen. Und dann hab ich mich ins Internet gehängt und selbst alte Wracks zu suchen angefangen, die man zu etwas ganz Neuem machen kann, abseits von Schräglage und Rundenzeit – einfach nur so, zum damit Leben. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 10.2.2014)

Das Buch

Chris Hunter und Robert Klanten: The Ride. New Custom Motorcycles. Die Gestalten Verlag
Erzählt in Englisch von Custom-Motorrädern und den Menschen, die sie gebaut haben und jetzt fahren – von Billy Joels designter, wunderbar weich gezeichneter Scared Crow bis hin zur fast schon sehr eckigen T003 Káku von Thrive Motorcycles.

Link

Gestalten.com

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