Soll Microsoft auf Android wechseln?

10. Februar 2014, 11:11
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Guardian-Kommentar schlägt Abkehr von Windows Phone und Konzentration auf Services-Geschäft vor

In einem aktuellen Kommentar für den britischen Guardian hat Tech-Journalist Charles Arthur einen recht provokanten Vorschlag für den neuen Microsoft-Chef Satya Nadella parat: Microsoft solle Windows Phone einstampfen und statt dessen eine eigene Android-Variante entwickeln.

Zu spät

Das Unternehmen müssen einsehen, dass man das Rennen um den Smartphonemarkt schlicht verloren habe. Windows Phone seit schlicht zu spät auf den Markt gekommen, und habe diesen Rückstand nie aufholen können. Selbst die zarten Wachstumstendenzen, die Microsofts mobiles Betriebssystem derzeit in einigen Märkten zeige, würden nur für eine Nischenposition reichen.

Widersprüche

Gleichzeitig stehe Microsoft vor der Situation, dass man zu viele unterschiedliche - und teils sich im Weg stehende - Ambitionen hege. Das Unternehmen brauche einen klaren Fokus. Google und Apple hätten diesen bereits gefunden: Apple sei gut bei Geräten, mittelmäßig bei Services. Google interessieren Geräte gar nicht, ist dafür aber herausragend bei Services. Die Frage sei nun, wo Microsoft hinwolle, und realistisch könne die Antwort nur bei Services sein.

Basis

Es müsse Microsofts Ziel sein, Office 365, Outlook, Bing und Co. auf möglichst vielen Smartphones unterzubringen. Welches Betriebssystem dann darunter laufe, sei in Wirklichkeit irrelevant. Hierfür könne man die Hardwarestärken von Nokia nutzen, um mit einem eigenen Android-Fork gleichzeitig Entwicklungskosten zu sparen, als auch eine höhere Verbreitung zu finden.

Angebot

Zudem könnte eine solche Microsoft-Android-Version auch für andere Hersteller interessant sein. So würden schon jetzt ein guter Teil aller Android-Geräte ohne Google-Services ausgeliefert, allen voran in China. Doch auch für westliche Märkte hätte Microsoft ein interessantes Argument parat: Das Unternehmen könnte auf jene Lizenzkosten, die man sich recht offensiv mit Patentklagen gesichert hat, verzichten, die Hersteller würden damit pro Gerät mehrere Dollar sparen.

Kontra

Harsche Kritik an diesem Vorschlag hagelt es von Arstechnica-Autor Peter Bright. Dieser unterstellt Arthur nämlich fundamentale Wissensdefizite in Bezug auf Android. Defakto habe Google Android in letzter Zeit "unforkbar" gemacht. Das mobile Betriebssystem sei schon lange nicht mehr so offen, wie es gerne verkauft wird. Immer mehr Basisfunktionen wären in proprietäre Lösungen ausgelagert worden. Dies betreffe nicht nur Googles eigene Apps sondern auch so manche Programmierschnittstellen (APIs).

Beispiel

So seien etwa die neuesten Lokalisierungs-APIs lediglich als Bestandteil der Google Play Services zu bekommen. Und wer diese haben will, muss auch den gesamten Kanon an restlichen Google-Programmen akzeptieren, was wohl kaum in Microsofts Interesse wäre. Das Problem sei nun, dass immer mehr Apps diese neuen Schnittstellen benutzen würden, und damit nicht mehr ohne die Google-eigenen APIs laufen würden.

Kontra-Kontra

Bright erhält allerdings selbst kräftige Widerworte und zwar aus berufenem Munde: Android-Kernentwicklerin Dianne Hackborn unterstellt dem Arstechnica-Autor in einem Kommentar zu dem Artikel, dass seine Darstellung der Dinge selbst voller Fehler sei. Google habe das AOSP keineswegs aufgegeben, sondern sogar immer weiter ausgebaut. Wer die Lage etwas genauer betrachtet, werde schnell sehen, dass der Ersatz von freien Lösungen durch proprietäre immer dort erfolgt, wo Google seine eigenen Cloud-Services anbindet. Da diese selbst proprietär sind, könnten auch die Client-Programme gar nicht frei sein.

Offener

Ganz im Gegenteil zur Behauptung von Bright habe man Android in den letzten Versionen sogar offener gemacht. Etwa indem in Android 4.4 Schnittstellen zur Einbindung anderer Cloud-Services eingeführt wurden. Zudem würden viele der proprietären Apps auf frei im AOSP erhältlichen Lösungen basieren, darunter der neue Launcher, die Kalender-App, Chrome oder sogar Gmail.

Zarte Anfänge

Jenseits all dieser Diskussionen bleibt der Umstand, dass das zur Übernahme durch Microsoft anstehende Nokia offenbar tatsächlich an einer eigenen Android-Variante arbeitet. Unter dem Codenamen "Normandy" gab es in den letzten Monaten mehrmals Hinweise auf entsprechende Geräte, die allerdings ganz auf den Billigmarkt ausgelegt sein sollen. Ob diese je veröffentlicht werden, ist natürlich eine andere Frage. (red, derStandard.at, 10.2.2014)

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