Sechsjähriger wegen ungesunder Jause von Schule suspendiert

10. Februar 2014, 13:42
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Eltern schickten ihn fortwährend mit Süßigkeiten und fettigen Pausensnacks in die Schule

Der Kampf ums Essen wird in englischen Schulen täglich tausendfach ausgetragen. Selten aber eskaliert der Konflikt zwischen ernährungsbewussten Lehrern und laxen Eltern wie kürzlich im Dorf Colnbrook westlich von London. Weil die Eltern von Riley Pearson ihrem 6-Jährigen trotz ausdrücklichen Verbots jeden Tag wieder eine Tüte Chips in die Pausenbox packten, wurde der Zweitklässler erst vom Unterricht ausgeschlossen, schließlich ganz der Schule verwiesen. "Das Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus ist unwiederbringlich zerstört", heißt es in einer Stellungnahme der Dorfschule.

Colnbrook gehört zur Stadt Slough, die direkt westlich vom Flughafen Heathrow liegt. Zur Bevölkerung zählen viele Einwanderer aus den britischen Kolonien, zuletzt auch aus Polen. In den Schulen haben es die Lehrer mit vielen Kindern zu tun, die schlecht oder gar nicht Englisch sprechen. Zusätzlich herrscht große Fluktuation, was die Arbeit mit den Kindern erschwert. Die örtliche Grundschule steht in der Trägerschaft der anglikanischen Staatskirche, die Aufsicht führt die Kommune Slough sowie die für ganz England zuständige Schulbehörde Ofsted.

Härtere Disziplin

Deren Inspektoren stellten im Herbst 2012 schwere Mängel fest. Der Direktor und der Leiter des örtlichen Gouverneursrats mussten gehen, dem aufgerückten Vizedirektor Jeremy Meek stellte die Kommune erfahrene Berater zur Seite. Seither muss Meek alle sechs Monate Kontrollbesuche über sich ergehen lassen. Ausdrücklich pochten die Aufseher auf besseren Unterricht und – damit eng verbunden – härtere Disziplin. Zu Jahresbeginn führte Meek eine neue Richtlinie für die Zusammensetzung der Pausenboxen ein: "Ausgewogen und gesund" sollten diese sein. "Schokolade, Süßigkeiten, Chips und süße Limonade ist nicht erlaubt."

Damit vollzog Colnbrook verspätet nach, was an vielen anderen Schulen des Landes längst gang und gäbe ist. Der Kampf gegen süße Pausensnacks wird im Namen der Volksgesundheit geführt, schließlich hat sich der Anteil fettleibiger Jugendlicher in den vergangenen 25 Jahren verdreifacht.

Bei den 11- bis 15-Jährigen leiden schon heute 30 Prozent der Buben und 45 Prozent der Mädchen an Übergewicht. Hinzu kommt aber, dass alle Schulen ein warmes Mittagessen anbieten müssen. Dafür erhalten sie zwar von der Londoner Regierung Zuwendungen. Dennoch rechnet sich der Aufwand erst, wenn möglichst viele Kinder an der Schulspeisung teilnehmen. Von den Eltern gepackte Pausenbrote und Snacks verstoßen also gegen handfeste ökonomische Interessen der Schulen.

Unterrichtsausschluss

Geldmangel, Druck von oben für die Schulleitung auf der einen, wenig einsichtige Eltern auf der anderen Seite – in dieser Konstellation kam Riley unter die Räder. Weil seine Eltern Tom und Natalie ihm hartnäckig Chips und Schoko-Kekse in die Schule mitgaben, wurde das Kind einige Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Anstatt sich mit dem Direktor auszusprechen, ging Tom Pearson zum Lokalblatt und machte sein Kind zum Märtyrer.

Der rasch auch in landesweiten Medien ausgetragene "Chipskrieg" verhärtete die Fronten zusätzlich und führte zum Rausschmiss. In der Gunst der Öffentlichkeit, die stark an schulischer Disziplin interessiert ist, zogen die Pearsons den Kürzeren: Eine Petition im Internet, die Meeks Entlassung fordert, brachte es bis Ende vergangener Woche auf jämmerliche elf Unterschriften. Riley und sein jüngerer Bruder Jayden müssen zukünftig in eine andere staatliche Grundschule im fünf Kilometer entfernten Slough gehen - am besten ohne Crisps. (Sebastian Borger aus London, 10.2.2014)

  • Die englische Schulbehörde hält Chips für eine nicht ausschließlich gesunde Jause.
    foto: keith srakocic/ap/dapd

    Die englische Schulbehörde hält Chips für eine nicht ausschließlich gesunde Jause.

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