Frauen sollen Japans Wohlstand retten

10. Februar 2014, 05:30
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Die Regierung in Tokio will mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt und in Spitzenpositionen bringen. Dafür ist es höchste Zeit, mahnen Ökonomen

Tokio - Premierminister Shinzo Abe gibt Nippons Firmen ein hohes Ziel vor: Bis 2020 sollen 30 Prozent aller Managementpositionen von Frauen bekleidet werden. Allerdings ist Japan noch weit von dieser Vorgabe entfernt, wie eine Studie der Beratungsfirma McKinsey zeigt. 2011 waren demnach lediglich elf Prozent aller Führungsjobs in Japan von Frauen besetzt. Von den Vorständen war sogar nur ein Prozent weiblich, von den Verwaltungsräten zwei Prozent.

Auf der Gleichstellungsliste des World Economic Forum rangierte Japan 2013 auf Platz 105 von 136 Ländern - hinter Indien und Aserbaidschan. Nicht ein einziger Konzern im Leitindex Nikkei 225 wird von einer Frau geführt, die allgemeine Beschäftigungsquote liegt mehr als zehn Prozentpunkte unter jener der Männer.

Hinter Aserbaidschan

Seit Jahren weisen Volkswirte auf die negativen Folgen hin. Schon 1999 berechnete Kathy Matsui, Chefstrategin von Goldman Sachs in Tokio, dass Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 15 Prozent steigen könnte, wäre die Erwerbsbeteiligung der Frauen so hoch wie die der Männer. 2012 kam der Internationale Währungsfonds (IWF) zu ähnlichen Ergebnissen: In einem Bericht mit dem Titel "Können Frauen Japan retten?" attestieren die Währungshüter dem Land eine potenzielle BIP-Steigerung pro Kopf um vier Prozentpunkte. Nun endlich, inmitten eines massiven demografischen Wandels, ziehen Japans SpitzenpolitikerInnen Konsequenzen.

Unterstützung kommt vom Unternehmerverband Keizai Doyukai. Bereits vor zwei Jahren forderte dieser alle Mitglieder auf, das Thema "Diversity" in ihre Unternehmen zu tragen. Inzwischen verlangt Eizo Kobayashi, Chairman des Mega-Handelshauses Itochu, von seinen Angestellten, den Arbeitsplatz um 20 Uhr zu verlassen. Das ist eine Verbesserung, arbeiten in Japan doch selbst Büroangestellte nicht selten 50 Stunden pro Woche, was die Vereinbarkeit von Festanstellung und Familie erschwert.

Ab in den Erziehungsurlaub

Japans größter Lebensversicherer, Nippon Life, fordert gar alle frischgebackenen Väter auf, mindestens eine Woche Erziehungsurlaub zu nehmen. Auch das ist positiv, können doch viele Japaner aufgrund fehlender Urlaubsregelungen ihre Frauen nicht einmal in den Kreißsaal begleiten.

Hauptverantwortlich für das beginnende Umdenken ist Sakie Fukushima. Die 64-Jährige ist Vizechefin des Keizai Doyukai und arbeitet in den Führungsgremien mehrerer japanischer Industriegiganten wie des Reifenherstellers Bridgestone, des Lebensmittelkonzerns Ajinomoto und von Mitsubishi.

Die Übersetzerin und Harvard-Absolventin berät die Japanische Entwicklungsbank ebenso wie politische Entscheidungsträger. Im Jahr 2008 zog sie die Aufmerksamkeit des Forbes-Magazins auf sich, weil sie damals im Verwaltungsrat von Sony saß - und damit eine von insgesamt zwei Spitzenmanagerinnen in Japans Top-Konzernen war.

Noch herrscht Zurückhaltung

Fukushima war es auch, die das Thema "Frauenförderung" in den Chefetagen japanischer Unternehmen auf die Agenda brachte. Sie setzte im Unternehmerverband Initiativen wie die Einführung eines Führungskräfteseminars, bei dem die Mehrzahl der Teilnehmer Frauen sind. Zunächst stieß sie auf wenig Enthusiasmus, doch die Stimmung habe sich grundlegend geändert. "Große Unternehmen begreifen langsam, dass sich etwas ändern muss", sagt die Geschäftsfrau.

Noch jedoch sind die Hürden hoch. Der Industrieverband Keidanren etwa hält sich mit Aussagen über eine stärkere Integration von Frauen und Ausländern in den Arbeitsmarkt zurück. Auch die Wirtschaftsmagazine des Landes schlagen beim Thema "Diversity" einen zurückhaltenden Ton an.

Und ein Teil der potenziellen neuen Arbeitskräfte, die Japans Wirtschaft auf die Sprünge helfen sollen, muss ebenfalls noch überzeugt werden: Laut einer aktuellen Umfrage will jede dritte junge Frau in Japan nach der Hochzeit ihren Job an den Nagel hängen. Jede vierte würde kündigen, wenn ihr Ehemann das wünschte.

Männer müssen Erziehungsarbeit leisten

Die Gründe dafür sind vielfältig: Nur wenige Frauen schlagen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn überhaupt einen Karrierepfad ein. "Wenn nur die Ausbildung und das Einstellungsgespräch zählten, wären es 70 Prozent", ist Fukushima überzeugt. Doch weil spätestens mit der Geburt des ersten Kindes viele Frauen aus dem Erwerbsleben ausscheiden, stellen die Firmen lieber gleich männliche Nachwuchskräfte ein.

Helfen könnten mehr Kinderbetreuungsplätze, großzügigere Elternzeitregelungen und reduzierte Arbeitszeiten für junge Eltern - Themen, die Premier Abe und die Ministerin für Kindererziehung und Gleichstellung, Masako Mori, angehen wollen. Doch noch stehen traditionelle Rollenmodelle im Weg. "Erst wenn die Männer in die Erziehungsarbeit eingreifen, ist ein Wandel in Japans Unternehmen möglich", sagt Fukushima. (Birga Teske aus Tokio, DER STANDARD, 10.2.2014)

  • Bei unteren Chargen - hier im Showroom des weltgrößten Autobauers Toyota - sind Frauen keineswegs unterrepräsentiert. Dick ist die gläserne Decke in Japan bei Top-Jobs in Politik und Wirtschaft.
    foto: reuters/hanai

    Bei unteren Chargen - hier im Showroom des weltgrößten Autobauers Toyota - sind Frauen keineswegs unterrepräsentiert. Dick ist die gläserne Decke in Japan bei Top-Jobs in Politik und Wirtschaft.

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