Marianne Haslinger: Schulfrei für die Olympischen Spiele in Moskau

10. Februar 2014, 09:31
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Olympia 1980 stand im Schatten der sowjetischen Besetzung von Afghanistan

Wien - Ganze 42 Staaten boykottierten die Olympischen Spiele, unter anderem mussten die Athleten der Vereinigten Staaten sowie der Bundesrepublik Deutschland dem Sportereignis fernbleiben. Die Rede ist nicht von Sotschi, bei dem im Vorfeld ebenfalls über Boykottaktionen debattiert wurde. Nein, wir schreiben das Jahr 1980, als schon einmal die Olympischen Spiele, damals waren es die Sommerspiele, auf russischem Boden ausgerichtet wurden.

Damals flog auch eine Schülerin aus Mödling für Österreich nach Moskau. Die heute 49-jährige Marianne Haslinger erinnert sich, wie sie damals als 15-jährige Schwimmerin das Großereignis erlebte: "Im olympischen Dorf herrschte ein internationales Flair, wir haben gemeinsam musiziert und gesungen." Auch seien unter den Athleten fröhlich Fahnen, Trikots, Sticker und sogar Adressen ausgetauscht worden.

Abseits vom Sportlichen blieben die Olympischen Spiele jedoch höchst umstritten. Der Kalte Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion war in vollem Gange. Von den Unruhen im Vorfeld der Spiele, die die Sowjetunion mit seinem Einmarsch und der Besetzung Afghanistans 1979 auslöste, habe die damalige Sechstklässlerin Haslinger jedoch nur wenig mitbekommen: "Uns hat man vollkommen abgeschirmt."

Auch sei es ihr damals so vorgekommen, als hätte man die jungen Leute in Russland "ausgesiedelt", also auf Urlaub und Ferienlager geschickt, damit sie nicht mit den westlichen Jugendlichen in Berührung kommen. Ebenso habe sie an den vielen Kontrollen gemerkt, dass Russland ein Ostblockstaat war: "Wir mussten ständig unsere Identitätskarte um den Hals tragen."

Dennoch ist Haslinger der Meinung, dass Boykottaktionen in erster Linie dem Sport schaden würden, schließlich sei es nur wenigen Athleten vergönnt, überhaupt an Olympischen Spielen teilzunehmen. Diese finden nur alle vier Jahre statt.

Bei den Wettkämpfen selbst erreichte Marianne Haslinger den 21. Platz. Nur vierzehn Tage später schwamm sie bei den österreichischen Meisterschaften fast eine halbe Sekunde schneller - in ihrer Disziplin, den 100 Meter Rücken, ist das eine halbe Ewigkeit.

Neben dem Unterricht trainierte Haslinger damals täglich bis zu sechs Stunden für Olympia. Die Handelsschule Mödling stellte sie für alle Sportereignisse bereitwillig frei.

So konnte die Leistungssportlerin das Schwimmen relativ gut mit der Schule verbinden. Nur einmal hatte sie so viele Fehlstunden im Fach Stenografie, dass sie am Ende des Jahres eine extra Prüfung ablegen musste. (Marlies Humpelstetter (14), DER STANDARD, 10.2.2014)

  • Schwamm als 15-Jährige bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980: Marianne Haslinger.
    foto: privat

    Schwamm als 15-Jährige bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980: Marianne Haslinger.

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