Der Tanz einer enttäuschten Liebe

10. Februar 2014, 07:05
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Yosi Wanunu und Stephanie Cumming legen sich im Tanzquartier Wien mit Stereotypen an

Wien - Wenn über Kunst geschrieben oder debattiert wird, dann ist der Humor meist ausgeschlossen. Gegen dieses Ernsthaftigkeitsgebot haben Regisseur Yosi Wanunu und die Tänzerin Stephanie Cumming, die beide in Wien leben und arbeiten, etwas einzuwenden. Und so machen sie sich in ihrem Theater-Tanz-Solo für die talentierte Plaudertasche Cumming I Dance Therefore I Talk - Meditationen über soziale Choreografie, das am Wochenende im Tanzquartier Wien uraufgeführt wurde, eine richtige Hetz aus dem humorlosen Kunstdiskurs.

Die Tänzerin schlüpft in die Rolle einer Kabarettistin. Als solche schwätzt sie sich, erst in goldenem Rock mit passendem Top und am Ende im Henderlkostüm, durch die Ansichten einer von der postmodernen Kunst der vergangenen Jahrzehnte genervten Bourgeoise Bohemienne.

So erinnert das Stück inhaltlich sofort an Nicole Zepters vor Kurzem erschienenes (auch nicht humoriges) Buch Kunst hassen - Eine enttäuschte Liebe. Und sein von René Descartes' Spruch "Ich denke, also bin ich" abgewandelter Titel ist eine deutliche Anspielung auf die Aufführungsreihe Walk + Talk des Wiener Choreografen Philipp Gehmacher.

In ihrem rund einstündigen Programm nimmt Cumming vor allem ihre eigene Kunstform, den Tanz, ins Visier. Sie zielt auf Künstler, Kunstrichtungen, Kuratoren und Intellektuelle mitsamt ihren viel zu selten thematisierten Schwächen - aber auch auf das Publikum. Für dieses steht eine ausgefuchste Falle bereit.

Mit populistischen Stereotypen werden seine Ressentiments getestet: Das Theater kennt keine Geschichten mehr, die Musik ist nur noch "Sound" und der Tanz heißt jetzt nur noch "Bewegung".

Einerseits geht es um den guten alten Hader darüber, dass Kunst nie so bleiben will, wie sie es einmal war. Aber andererseits auch treffend um die jüngere, peinliche Floskelhaftigkeit, mit der Kunstwerke manchmal zu Tode garniert werden.

Die Sache hat einen Haken

Das wird aus einer knallharten, neokonservativen Position heraus vorgebracht. Dass die von Cumming verkörperte Figur diese Position niemals erkennbar bricht, ist der eigentliche Haken an I Dance Therefore I Talk.

An diesem Haken hängt auch jene Zwiespältigkeit, die in einem Teil der Gegenwarts-Choreografie grassiert, weil man darin so einiges verstecken kann. Wanunu und Cumming kommen aus ihrem ambivalenten Spiel mit dem Konservativismus nicht heraus. Und so bleibt der Verdacht unausgeräumt, dass die beiden sich hier auf Kosten anderer Künstler interessant machen wollen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 10.2.2014)

  • Stephanie Cumming vermisst den Humor in der Kunst, bleibt mit ihrer Provokation aber selbst nur halblustig.
    foto: tim tom

    Stephanie Cumming vermisst den Humor in der Kunst, bleibt mit ihrer Provokation aber selbst nur halblustig.

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