Neue Pläne in Istanbul: Taksim 3.0

Blog9. Februar 2014, 21:29
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Der größte Platz der Türkei und für viele zugleich das politische Herz des Landes wird noch einmal nachgebessert: Istanbuls amtierender Bürgermeister hat eine grüne Version für den Taksim präsentiert. Zum Demonstrieren wird es bald einen neuen offiziellen Platz geben - weit weg am Meer.

Alles neu, alles grün. Geschmeidig nehmen die türkische Regierung und ihr Istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbaş die 180-Grad-Kurve von der Neugestaltung des Taksim-Platzes mit Beton, Park absäbeln und Shopping-Mall (Frühjahr 2013) zu Taksim-Platz mit Beton, Park schützen und noch mehr Park bauen (Frühjahr 2014).

Topbaş, ein 69-jähriger ehemaliger Architekt und Bürgermeister seit 2004, bewirbt sich um eine dritte Amtszeit, die nun der Auswetzung der Scharte mit den Gezi-Protesten vom Mai und Juni 2013 dienen muss. Dieser Tage stellte er den neuen neuen Plan für den Umbau des größten und politischen Platzes der türkischen Republik vor. Ein halbes Dutzend Bilder zeigen die nunmehr dritte Version des Taksim: Auf der Betonplatte, die über den neuen Straßentunnel gegossen wurde (das zweite Tunnelprojekt auf dem Bosporus-seitig gelegenen Teil des Platzes hat ein Gericht annulliert), wird ein kleiner Park angepflanzt. Bäume gibt es auch vor dem leer stehenden Atatürk-Kulturzentrum, dessen Zukunft gleichwohl ungewiss ist (Regierungschef Erdogan wünscht ein Opernhaus). Die neuen Metallmasten mit den Videokameras, die nun jede verdächtige Demonstrationsbewegung im Umkreis des Gezi-Parks registrieren, sind auf den Modellbildern gütig übersehen worden.

Bis Anfang März würden die Ausschreibungen für die Vergabe der öffentlichen Bauaufträge erledigt, hat der Bürgermeister versprochen, also in rund vier Wochen, was die üblichen Bewerber aber nicht allzu nervös machen dürfte. Ende März sind die Kommunalwahlen, und bis dahin muss etwas stehen, das den wählenden Bürger beeindruckt.

Nächstes Wochenende schon, am 15. März, wird wieder eine neue U-Bahn aufgesperrt. Sie fährt vom Taksim hinunter zum Goldenen Horn über eine Unesco-abgesegnete Brücke nach Yenikapı, einem Hafenstadtteil am Marmarameer. Das ist nicht dumm, denn: In Yenikapı steht künftig auch der offizielle „Versammlungs- und Demonstrationsplatz der Stadt Istanbul“ (İstanbul Metropolü Miting ve Gösteri Alanı). Auf dem neuen neuen Taksim-Platz ist dann wegen all der Bäume und Blumenbeete ohnehin kein Platz mehr für die traditionellen Demonstrationen zum 1. Mai und anderen gesellschaftlichen Meinungsbekundungen, die der Tagespolitik entspringen. Der Demonstrant kann mit der neuen U-Bahn zügig seinen neuen Demonstrationsort erreichen.

Das kennt man aus der aserbaidschanischen Hautpstadt Baku, wo die Opposition schon auch demonstrieren darf, sofern sie eine Genehmigung bekommt, aber nur auf ausgewiesenen Plätzen am Stadtrand. Ordnung muss sein.

Der „Versammlungs- und Demonstrationsplatz der Stadt Istanbul“ wird seit dem Frühjahr 2013 aufgeschüttet. Das braucht seine Zeit, denn er fällt doch recht groß aus: eine Million Menschen können dort angeblich einmal stehen, auf drei Seiten vom Wasser umgeben, was sowohl pittoresk als auch aus ordnungspolizeilicher Sicht hilfreich ist.

Die neue Demokratische Volkspartei HDP und ihr Kandidat für das Amt des Istanbuler Bürgermeisters, der Sozialist Sırrı Süreyya Önder, schlagen die große grüne Lösung für die Millionenstadt vor: einen Central Park wie in New York soll es geben, vom Taksim bis nach Şile, Istanbuls Strandort am Schwarzen Meer. Önder hat gute Chancen, die Ablösung des AKP-Bürgermeisters Topbaş zu verhindern, indem er die Stimmen für die Opposition aufspaltet und dem Kandidaten der CHP, Mustafa Sarıgül, um die entscheidenden fünf Prozentpunkte bringt. Sarıgül hat auch eine Meinung zum Taksim-Platz: alles stanzen, neuer Architekturwettbewerb, dann die Istanbuler abstimmen lassen. (Markus Bernath, derStandard.at, 9.2.2014)

  • Um den und und im Gezi-Park stehen nun neue Kameramasten
    foto: markus bernath

    Um den und und im Gezi-Park stehen nun neue Kameramasten

  • So schön wird der neue Taksim-Platz
    foto: stadtverwaltung istanbul

    So schön wird der neue Taksim-Platz

  • So soll der der offizielle „Versammlungs- und Demonstrationsplatz der Stadt Istanbul“ aussehen
    foto: stadtverwaltung istanbul

    So soll der der offizielle „Versammlungs- und Demonstrationsplatz der Stadt Istanbul“ aussehen

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