Die Vergangenheit ist der Gegenwart ihre Zukunft. Oder so.

9. Februar 2014, 21:03
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Anmerkungen zur Ballsaison

Die Ballsaison ist da! Abseits des Akademikerzahntechnikerballes gibt es ja durchaus andere, die ich gern besucht hätte, es aber nie getan habe, weil ich nicht zu tragen wagte. Das Ballkleid nämlich. Dass ich nicht tanzen kann, wäre zweitrangig gewesen: Man kann auch aufregend herumsitzen. Und dass ich mich ab und zu daneben benehme, auch. Fast drittrangig.

Meine Verlegerin leidet immer noch daran, dass ich bei feinen Ausfahrten in ihre geschätzten Restaurants entweder kleckere, oder schreie, oder schreiend kleckere. Der Versuch, mir endlich beizubringen, wo man das Besteck hinlegt, wenn man dezent fertiggegessen hat, ist auch gründlich daneben gegangen.

Aber: das Ballkleid. Wenn schon nicht tanzen und nicht benehmen, dann wenigstens schön gekleidet. Wenn ich aber lange Roben probiere, passiert mir das, was schon meinen Vater nach endlosen Anproben auf der Suche nach einem festlichen schwarzen Anzug zu den bitteren Worten hinriss: "Ich schau aus wie eine Kuh mit Sattel ..."

Blut ist eindeutig dicker als Wasser: Er fand seinen schwarzen Anzug nie, ich mein Ballkleid. Irgendetwas an unseren Proportionen entspricht einfach nicht der handelsüblichen Norm. Irgendetwas hängt, zwickt, spannt und schöppelt sich aufs Ungustiöseste. Andere binden schwarze Satingürtel um ihre Wespentaillen und betonen ihre breiten Schultern mit aufgelegten Schulterpölstern. Gut, seien wir ehrlich, auch die mit den Spatzentaillen, auch jene mit den Hühnchenschultern ...

Also eh alle, nur ich und mein Vater nicht. Wenigstens blieb der Rest der Familie balltechnisch verschont: Für den obligaten Maturaball hängt bereits ein obligates langes Ballkleid meiner Tochter im Schrank. Gefunden in ungefähr zehn Minuten. Die Überflutung mit Disneys Nixenfiguren in der Kindheit trug übrigens originelle Früchte: Das von ihr in Rekordzeit gewählte Kleid hatte exakt jenen Ton wie der grünliche Fischschwanz der Arielle seinerzeit, die ebenso roten Haare hatte sie sich auch über die Schulter drapiert.

Vielleicht ist das die Lösung des Rätsels, warum ich nicht und nicht fündig werde: Meine Lieblingsfigur aus der Kindheit war seit jeher der Tscheburaschka, Star der russischen Kinderserien: ein kleines, rundes Monsterchen mit stumpfem braunen Fell.

Originell, musikalisch begabt, mit großer Klappe, integrativ wertvoll (sein bester Freund ist das Krokodil Gena), aber halt kaum balltauglich. Das ist es, was Buddhisten meinen mit: Achte auf deine Vergangenheit, denn sie wird deine Zukunft. Beim russischen Angebot hätte ich mich für den Tscheburaschka entschieden: Zur Auswahl standen sonst ein Kinder-Lenin, ein räudiger Wolf, eine fade gelbe Ente und Väterchen Frost. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 8./9.02.2014)

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