Dave Gahan: Der Jesus mit dem dicken Lidstrich

9. Februar 2014, 17:46
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Die Kirche Depeche Mode rief zum Gottesdienst, und die Gläubigen kamen in Scharen

Wien - Wenn's um nichts mehr geht, geht oft alles. Das sind ungefähr die Arbeitsvoraussetzungen für Depeche Mode. Alles an ihnen ist riesig, all ihre Zahlen kommen mit vielen Nullen hintendran daher, die Säle und Stadien sind ausverkauft, das Einzige, was nicht selbstverständlich ist, ist, dass man noch lebt. Zumindest im Falle von Sänger Dave Gahan. Der hat schon einmal das Licht gesehen, heißt es. Jenes, das vor der finalen Finsternis leuchten soll.

Das ist lange her, und am Samstagabend in der natürlich ausverkauften Stadthalle denkt niemand ernsthaft über den Gesundheitszustand des britischen Sängers nach, der sich damals mit zu vielen Drogen angelegt hatte.

Depeche Mode zählen zu den großen Gelddruckereien des Popgeschäfts. Seit 33 Jahren unterwegs, seit zirka 30 weltberühmt, und nie wirklich daneben gehauen, künstlerisch betrachtet. Das mit der aktuellen Relevanz steht auf einem anderen Blatt, aber darüber muss man nicht diskutieren. Dave Gahan und der musikalische Chef des Unternehmens, Martin Gore, haben Synthie-Pop stadientauglich gemacht.

Dabei sind ein paar Meisterwerke abgefallen, mittlerweile stagniert man auf hohem Niveau, veröffentlicht aus dieser Ausgangslage heraus alle Schaltjahre ein Album, um wieder einmal einen Urlaub vom Popstarfamilienalltag zu nehmen. Die aktuelle Tour heißt wie das letzte Album aus dem Vorjahr: Delta Machine.

Sie ist Vorwand für ein zweistündiges Programm, das beiden Hauptdarstellern vor schön anzusehenden Visuals im Bühnenhintergrund Gelegenheit bietet, das zu tun, was sie am besten können. Wobei, da muss man etwas einschränken. Martin Gore ist nämlich auch Gitarrist. Rudimentärer Gitarrist. Zumindest wirkt er live so, als habe er eben erst Umgreifen gelernt. Nicht selten bearbeitet er die Saiten mit einem kleinen, nicht näher definierbaren Gerät, das zwar den gewünschten Effekt zu erzeugen vermag, aber vom genialen Livegitarristen trennen ihn doch mehrere Festplatten.

Singen tut er auch, das Stück Slow zum Beispiel, eine akustisch mit Klaviertüdelü dargebrachte Ballade, während der man Zeit hatte, sich über den auf der Videowall gut sichtbaren Glitter auf Gores Oberlid Gedanken zu machen. Wie alt ist der dieser Tage? 52, soso.

Aber auch Gahan, die Rampensau, die über die Bühne schwebt, das Becken kreisen lässt und sich nicht entscheiden will, ob sie eine alternde Diva oder einen in die Jahre gekommenen Stricher darstellen möchte, auch Gahan hat mehr Kajal im Gesicht, als Zeitzeuge Udo Huber in seiner Karriere als Hitparadenmoderator je verbraucht hat, damals, als Depeche Mode gerade erstmals den Himmel küssten.

Aber natürlich sind DM unantastbar. Schon bei Walking in My Shoes übernahm erstmals der Saal den Gesang, und das war erst das dritte Lied, in dem Gahan pflichtschuldig "Christian!" ins Mikro brüllte, um uns in Erinnerung zu rufen, dass mit Christian Eigner unser Mann am Schlagzeug sitzt. Ja, wir sind Depeche Mode.

Variable Strahlkraft

Wobei im Fall von Walking in My Shoes der Begriff Lied fast schon tiefstapelt. Schließlich wirken manche DM-Songs eher wie Hymnen, zu denen im Saal mehre Generationen Kopf und Arme wiegen. Da werden neue Stücke, die diese Strahlkraft nicht besitzen, gerne in Kauf genommen. Man kann nicht jeden Tag einen Titel wie Enjoy the Silence oder Personal Jesus schreiben.

Ihre Langzeitwirkung verdeutlicht schließlich Just Can't Get Enough im Zugabenblock von ihrem 1981 erschienenen Debüt. Ein Lied wie ein Geständnis, wie eine Diagnose und gleichzeitig die Beschreibung der Gefühle unten im Saal. Ad multos annos. (Karl Fluch, DER STANDARD, 10.2.2014)

  • Im Auge des Orkans herrscht Ruhe. Noch. Bald wird der Sturm in der Wiener Stadthalle losbrechen. Dave Gahan von Depeche Mode stimmt sich ein.
    foto: der standard/christian fischer

    Im Auge des Orkans herrscht Ruhe. Noch. Bald wird der Sturm in der Wiener Stadthalle losbrechen. Dave Gahan von Depeche Mode stimmt sich ein.

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