"Je homogener eine Kindergruppe, desto besser"

Interview9. Februar 2014, 17:28
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FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz über 32 Ballnächte in der Hofburg, das Prinzip Freiheit, die bedrohte Einheit des Schulsystems und spannenden Volksschulunterricht für kleine Stegosaurus-Experten

STANDARD: Waren Sie eigentlich am "Akademikerball" in der Hofburg?

Rosenkranz: Selbstverständlich, seit 32 Jahren immer.

STANDARD: Problemlos gefeiert?

Rosenkranz: Wir sind problemlos hineingekommen. Es war eigentlich ein sehr, sehr schöner Ball.

STANDARD: Eigentlich ... Verstehen Sie die Empörung der Kritiker, die vor allem der symbolträchtige, historisch aufgeladene Austragungsort am Heldenplatz stört?

Rosenkranz: Der Ball ist seit Jahrzehnten in der Hofburg. Eine Pikanterie ist 2012 dazugekommen, das war leider Gottes das unglückselige Zusammenfallen mit dem Holocaust-Gedenktag. Da kann man vielleicht mangelnde Sensibilität vorwerfen, dass die Organisation nicht jeden Gedenk- und Bedenktag im Kopf hat. Es ist nur so, dass der Wiener Ballkalender an sich immer fix ist. Man weiß genau, welcher Donnerstag im Jahr der Opernball ist, welcher Samstag der Techniker-Cercle, und beim WKR-Ball war's immer der letzte Freitag im Jänner. Also stinknormal, und auf einmal diese Kampagnisierung - wir hätten diesen Tag extra ausgewählt. Absurd.

STANDARD: Muss es unbedingt die Hofburg sein zum Tanzen?

Rosenkranz: Wenn die Kritiker meinen, die Hofburg ist ein historischer Rahmen der Republik, dann muss ich sagen: Die FPÖ ist Teil dieser Republik, auch wenn's ihnen nicht passt und sie dagegen demonstrieren. Damit habe ich auch kein Problem. Sie können Transparente schwingen und ihre Meinung bekunden, aber die Meinungs- und Versammlungsfreiheit anzutasten würde zu weit gehen. Wo hört das Ganze dann auf?

STANDARD: Sie sagten einmal: Bildungspolitik sei die "letzte ideologische Bastion". Was ist Ihre Ideologie als FPÖ-Bildungssprecher?

Rosenkranz: Es gibt noch drei ideologische Bereiche: Medien-, Kultur- und Bildungspolitik. Plakativ gesagt: Man kann ein Bildungssystem am Prinzip der Gleichheit oder der Freiheit orientieren. Beides zusammen geht nicht. Die freiheitliche Partei ist am Prinzip der Freiheit orientiert. SPÖ und Grüne sowie andere linke Gruppierungen am System der Gleichheit.

STANDARD: Drei ÖVP-Landeshauptleute, die "Westachse" Vorarlberg, Tirol und Salzburg, möchten Gesamtschulmodellregionen werden. Was halten Sie davon? Sie kritisieren ja generell "Schulversuchitis".

Rosenkranz: Ein Schulversuch ist grundsätzlich positiv, aber es gibt in Österreich, gerade was Schulversuche betrifft, eine gelebte Tradition, wo man manches gut denkt, aber schlecht umsetzt. Das sieht man am Schulversuch "Neue Mittelschule". Es hat geheißen, sie wird wissenschaftlich evaluiert - und was passiert? Sie wurde nicht evaluiert, sondern sofort ins Regelschulwesen übernommen. Daher meine Schulversuchsskepsis.

STANDARD: Aber prinzipiell sind Sie auch kein Freund der gemeinsamen Schule ...

Rosenkranz: Die Bundes-FPÖ sagt klar: Das Gymnasium in der Langform muss erhalten bleiben. Nur die Vorarlberger FP hat in der Frage aufgrund eines Landtagsbeschlusses eine andere Meinung. Die Modellregionen haben noch ein besonderes Problem. "Modellregion Vorarlberg" würde bedeuten, dass ein ganzes Bundesland ein anderes Schulsystem hat als das restliche Österreich. Das wäre die viel kritisierte Verländerung und Zersplitterung des Bildungssystems. Ich sehe auch verfassungsrechtliche Probleme. Was passiert, wenn Eltern sagen: In Österreich gibt es unterschiedliche Schulformen, warum kann ich mein Kind in Vorarlberg nicht in ein Gymnasium schicken?

STANDARD: Sie haben selbst Kinder. Kann man bei einem zehnjährigen Kind ablesen, ob es besser in eine Haupt- bzw. Neue Mittelschule oder in ein Gymnasium passt?

Rosenkranz: Grundsätzlich kann man das. Ich komme aus einer Volksschullehrerfamilie, meine Eltern haben gemeint, man kann's in Wirklichkeit sogar noch viel früher erkennen. Wenn man den Kindergarten als Bildungseinrichtung sieht, kann man da schon sehr früh Talente erkennen und fördern und fordern. Wir sind ja nicht die Verfechter des Gymnasiums, weil's Spaß macht. Für uns ist die gute Hauptschule keine Einbahnstraße oder Sackgasse. Wir stellen nur ein star- kes Gefälle zwischen Schulen im Ballungszentrum und im ländlichen Raum fest. Ich glaube, je homogener eine Gruppe von Kindern ist, desto besser, keine so großen Unterschiede, die man dann - Stichwort innere Differenzierung - ohne- hin wieder ausbessern muss. Kinder gehen damit aufgrund ihrer Natürlichkeit, auch mangelnder Lebenserfahrung, sehr offen und ehrlicher, oft auch brutaler um. Motto: Na ja, beim Fußballspiel sind wir alle zusammen, aber in Mathematik bist du halt blöder, da darfst du nicht dabei sein. Die Homogenität einer Gruppe ist oft auch ein Schutzmechanismus für die Kinder selbst, dass sie sich wohler fühlen. Und da muss man eindeutig sagen, im Ballungszentrum hat für die Homogenität das Gymnasium in der Langform und eine Hauptschule absolut die Berechtigung.

STANDARD: Sie gehen davon aus, dass man Kinder in zwei homogene Gruppen aufteilen kann?

Rosenkranz: Ja, nach der Leistungsfähigkeit. Es gibt dann immer eine Bandbreite, die sich im Zeugnis widerspiegelt, weil sonst müssten alle immer die gleichen Noten haben, wenn's homogen ist.

STANDARD: SPÖ und ÖVP haben eine "Bildungspflicht bis 18" beschlossen. Was halten Sie davon?

Rosenkranz: Für einen Freiheitlichen ist alles, was mit Pflicht zu tun hat, zu hinterfragen. Wir sagen Jugendlichen, die nach der Schulpflicht, aus welchen Gründen auch immer, nicht so verstanden haben, um was es im Leben gehen wird, du darfst mit 16 wählen. Im Strafrecht bist du aber noch nicht so ganz reif, da muss man dich mit Samthandschuhen behandeln und auf Vernunft setzen. Aber die Ausbildungspflicht ist ein Muss, und es gibt sogar eine Strafe. Wer kriegt die denn? Der unter 18-Jährige? Oder die Eltern? Wär noch schöner. Wir Freiheitliche sind für die Ausbildungsgarantie, dass jeder jederzeit, nicht nur bis 18, in eine Schule gehen und Bildungsabschlüsse nachholen kann. Hinter der Bildungspflicht steckt eher ein statistischer Grund, dass man sagt: Wir bringen keine Jugendarbeitslosigkeit mehr auf die Straße.

STANDARD: Wo würden Sie in der Schule besonders ansetzen?

Rosenkranz: Ein ungelöster, aber sehr wichtiger Bereich ist die Elementarpädagogik, trotz Bildungsvolksbegehrens und Sonntagsreden gibt es da de facto nichts. Und die Volksschule liegt mir sehr am Herzen. Da wird zu viel auf andere Bereiche ausgewichen: Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, Problemlösungskompetenz. All diese Dinge, die im Unterricht so wahnsinnig wichtig sind, werden bei Pisa interessanterweise nicht abgefragt. Entweder ist Pisa veraltet, weil man sagt: Lesen, Rechnen, Schreiben - wen interessiert das? Dann ist Pisa ein Schmarren. Oder es ist wirklich wichtig, dann muss man die Kulturtechniken in den Vordergrund stellen.

STANDARD: Das heißt, in der Volksschule wieder mehr Konzentration auf "Kulturtechniken"?

Rosenkranz: Ja. Natürlich ist Projektunterricht gut, aber die Kinder werden ja überfrachtet mit dem Tag des Baumes, des Wassers oder des Apfels. Man muss da natürlich aufpassen: Wenn früher eine Lehrerin auf die Tafel Äpfel und Zwetschken geklebt hat, dann war das für die Kinder eine mittlere Sensation. Jetzt hat sie dort auf einmal einen Haufen Individualisten sitzen, die jede Automarke kennen, jeden Saurier mit dem lateinischen Fachausdruck usw. Die sagen, was will die mir erklären? Die weiß nicht einmal, was ein Stegosaurus ist oder so. Das ist wahnsinnig schwierig, dass für diese Kinder der Unterricht auch interessant ist. Da kann Projektunterricht natürlich Hilfestellung bieten, aber Projektunterricht nicht um des Projekts willen, sondern als Transportmittel für Lesen, Rechnen, Schreiben. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 10.2.2014)

Walter Rosenkranz (51), Rechtsanwalt, seit 1988 für die FPÖ im Gemeinderat von Krems und seit 2008 im Nationalrat. Im Juni 2013 folgte der ausgebildete Musikschullehrer, der Konzertfach Gitarre an der Musik-Uni Wien studiert hat, Barbara Rosenkranz (nicht verwandt) als Parteiobmann der FP Niederösterreich. Er ist "Alter Herr" bei der deutschnationalen Burschenschaft Libertas.

  • ",Modellregion Vorarlberg' hieße, dass ein Bundesland ein anderes Schulsystem hat als das restliche Österreich. Das wäre die viel kritisierte Verländerung und Zersplitterung des Bildungssystems."
    foto: standard/corn

    ",Modellregion Vorarlberg' hieße, dass ein Bundesland ein anderes Schulsystem hat als das restliche Österreich. Das wäre die viel kritisierte Verländerung und Zersplitterung des Bildungssystems."

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