Fakten und sinnlose Artefakte über die Neue Mittelschule

Leserkommentar10. Februar 2014, 17:42
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IHS-Bildungsforscher Lorenz Lassnigg über Ideologisierung und Entideologisierung in der Bildungspolitik

Die jüngste Veröffentlichung der Bildungsstandards in Englisch der achten Stufe wirft einiges Licht auf die Verwendung von Evidenzen in der Bildungspolitik. Wenn man im bekannten österreichischen Klima – manche sprechen von "Treibhausklima", was vielleicht durchaus treffend ist – schon aus vielen Gründen keine evidenzbasierte Politik erwarten kann, so sollte wenigstens in den Auseinandersetzungen mit den verfügbaren Evidenzen sinnvoll und redlich umgegangen werden. Die Anstrengungen in dieser Richtung sind ja durchaus bemerkenswert, und – nebenbei bemerkt – auch nicht ohne Aufwendungen.

Es wird oft gesagt, dass die bildungspolitischen Auseinandersetzungen durch Evidenzen "ent-ideologisiert" werden könnten, indem "Tatsachen" außer Streit gestellt werden können. Die nun neu aufgeflammte Auseinandersetzung über die "Neue Mittelschule" (NMS) deuten eher in die gegenteilige Richtung: die Ergebnisse werden von den KontrahentInnen erst recht ideologisiert, indem jeweils passende Aspekte herausgesucht, und den GegnerInnen um die Ohren geschlagen werden.

Eintopf und Mehrtopf

Der Tenor der NMS-Reform-GegnerInnen: Es wird viel zusätzliches Geld ausgegeben, um ein neues Modell integrierten Unterrichts zu entwickeln, mit dem man letztlich nur der bewährten "Mehrtopf"-Strategie der frühen Einteilung der Kinder in leistungsabhängige Gruppen, und insbesondere der "Elite"-Institution AHS schaden will – Nivellierung "nach unten" statt Förderung "nach oben"; die bedeutenden zusätzlichen Mittel hätten keine besseren Ergebnisse für die NMS gegenüber den Hauptschulen erbracht. Die NMS-Reform-BefürworterInnen halten dagegen, dass die positiven Ergebnisse der AHS zu einem beträchtlichen Teil auf deren elitären sozialen Hintergrund zurückzuführen sind, und dass das "Mehrtopf"-System die soziale Benachteiligung vieler Kinder durch mangelnde Förderung verstärkt.

Unverantwortlicher Umgang mit Evidenzen…

Kann man aus den veröffentlichten Informationen und Daten zu diesen Disputen etwas Sinnvolles sagen, oder ist alles ohnehin offen für beliebige Interpretationen und Missbräuche? In der Wissenschaft hat sich seit langem die Idee verankert, dass es zielführender ist, nicht nach unterstützenden Befunden zu suchen, sondern zur eigenen Position gegenläufige Befunde anzusehen. Dies könnte auch für die politischen Auseinandersetzungen hilfreich sein, und die aufgeregten, aber letztlich langweiligen Polarisierungen könnten einer ernsthafteren Debatte – die durchaus nicht ent-ideologisiert sein muss – Platz machen.

Die Befunde zu den Standards können hier als Lehrbeispiel fungieren, wenn man die geeigneten Aspekte heranzieht. Erstens die Präsentation der Ergebnisse ist unzureichend (und in letzter Konsequenz irreführend). Es ist von Anfang an klar, dass die NMS sich erstens in einem widersprüchlichen und vielfältigen inkrementellen "bottom-up"-Prozess mit einigem Gegenwind entwickeln muss, und dass sie sich zweitens durch spezielle Kontextbedingungen und eine spezielle Zusammensetzung ihrer SchülerInnen (v.a. Migrationshintergrund, Elternbildung) auszeichnet.

Ein einfacher Vergleich der Ergebnisse sowohl mit den Hauptschulen als auch mit den AHS ergibt daher keine "Fakten", sondern missverständliche und sinnlose Artefakte. Wenn man näher in die Berichte hineinsieht, gibt es viele Hinweise auf die große Bedeutung der Kontextfaktoren. Aber es wurde verabsäumt, diese verstreuten Befunde erstens in einem Modell zusammenhängend abzuschätzen (nebeneinander betrachtet gibt es teilweise gegenläufige Hinweise), und zweitens diese Befunde entsprechend zu präsentieren.

Zweitens ergibt der Vergleich von Wien und Gesamtösterreich interessante Hinweise, die zu den jeweiligen kontrahierenden Positionen teilweise im Widerspruch stehen. Nach den BefürworterInnen des "Mehrtopf"-Prinzips ist der Anteil der AHS in Wien zu hoch für eine "Elite"-Institution und die Leistungen müssten daher niedriger sein als im Schnitt. Dies ist nicht der Fall, die größere Durchmischung hat keine negativen Auswirkungen. Der Anteil an SchülerInnen mit Migrationshintergrund ist in Wien gegenüber Österreich verdoppelt (42% vs. 18%), dennoch sind die Ergebnisse nicht schlechter (etwas mehr Streuung mehr nach oben als nach unten), und die NMS haben hier im insgesamt schwierigeren Umfeld am deutlichsten bessere Befunde im oberen Leistungsbereich als die Hauptschulen, bei insgesamt heterogeneren Leistungen (widerspricht dem "Mehrtopf"-Argument, dass nur homogene Gruppen gute Ergebnisse bringen können). Gleichzeitig haben die NMS-SchülerInnen in Wien vergleichsweise günstigere Hintergrundmerkmale als die HauptschülerInnen (was wiederum die Heterogenität einschränkt).

…und absurde Widersprüche, Inkonsistenzen und Schuldzuschreibungen

Zwei Punkte werden in den politischen Auseinandersetzungen stark gemacht, erstens die zusätzlichen Ressourcen für die NMS, zweitens die Bedeutung der Lehrpersonen für gute Ergebnisse. Hier beißt sich die Katze mehrfach in den Schwanz, wenn man die Konsistenz der Argumente näher prüft. Erstens sind die Bedenken über die zusätzlichen Ressourcen von den wissenschaftlichen Ergebnissen her gerechtfertigt. Es ist von der Forschung klar, dass Ressourcen allein keine Verbesserung bewirken, wesentlich sind Veränderungen in der Praxis. Dies widerspricht diametral dem gängigen und geteilten Glauben aller Seiten in der österreichischen Bildungspolitik: So wie ein teureres Auto besser ist als ein billigeres, so wird es auch mit der Schule gesehen.

Also wird allseits befürwortet trotz Spardiktat mehr auszugeben, der Streit beginnt erst bei der Verteilung. Es ist aber von der Forschung auch klar, dass die wichtigste "Ressource" der Hintergrund der SchülerInnen ist (mittels PISA-Auswertungen haben wir gezeigt, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte des Leistungsvorsprunges der AHS gegenüber dem "Poly", rund 40 Punkte, nur durch die Hintergrundfaktoren der SchülerInnen erklärt werden kann).

Diversität kann funktionieren

Die KritikerInnen der "teuren" NMS, sind aber zumeist auch jene, die institutionelle Veränderungen verwerfen, und alles Gewicht auf die Lehrpersonen legen. Dabei vergessen sie jedoch, dass das zusätzliche Geld ja für zusätzliche Lehrpersonen ausgegeben wird, die bei all ihrer allgemeinen Bedeutsamkeit aber offenbar in der NMS nicht entsprechend "wirken" können. Warum? Wegen der Heterogenität. Das ist jedoch ein reiner Glaube an das "Mehrtopf"-System, und somit ein institutionelles Argument, das für die GegnerInnen verworfen, aber selbst (implizit) genutzt wird. Hier werden weder Erfahrungen mit anderen Formen der Differenzierung noch vielfältige wissenschaftliche Ergebnisse zur Kenntnis genommen, die zeigen, dass auch Diversität funktionieren kann, der Stand der Argumentation liegt in den 1960ern und ignoriert vier Jahrzehnte Erfahrungen.

Effizienz und Gerechtigkeit

Überdies werden die beiden Aspekte von Effizienz und Gerechtigkeit vermischt und gegeneinander ausgespielt, indem das zentrale Argument für die Heterogenität – eben das Zusammenkommen von Kindern und Jugendlichen von unterschiedlichen Hintergründen in der "gemeinsamen Schule" – mittels vorgeschobenen Leistungsargumenten ignoriert, beiseite geschoben oder herunter gespielt wird. Dieser Aspekt wird in der Forschung auch häufig vernachlässigt, und nicht explizit analysiert. Meistens werden die sozialen Vorteile der gemeinsamen Schule implizit vorausgesetzt: Aus dieser Sicht würden gleiche Leistungsergebnisse von homogenen und heterogenen Schulen mit dem Vorteil der besseren sozialen Ergebnisse verbunden sein, und zusätzliche Mittel würden für den sozialen Zusammenhalt aufgewendet werden. Wie man diesen Aspekt bewertet, ist aber zweifellos eine ideologische Frage, die durch "Ent-Ideologisierung" mit dem Bade ausgeschüttet wird.

Die Standards-Ergebnissen zur NMS sind in diesem letzteren Sinne durchaus positiv zu werten. (Lorenz Lassnigg, Leserkommentar, derStandard.at, 10.2.2014)

Lorenz Lassnigg (Jg. 1952) ist Senior Researcher am Institut für Höhere Studien (IHS), Forschungsschwerpunkte: u.a. sozialwissenschaftliche Bildungsforschung an der Schnittstelle zwischen sozialen, politischen und ökonomischen Fragestellungen.

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