Die Diplomatin, die EU und das F-Wort

Kopf des Tages7. Februar 2014, 19:24
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Victoria Nuland, Chefin der Europaabteilung im US-Außenamt

Es war nicht irgendjemand, der sich da im Stil einer Stammtischdebatte sehr abfällig über die Europäische Union äußerte: Wer da dem US-Botschafter in Kiew die Empfehlung gab, die EU im ukrainischen Machtkampf sinngemäß am besten zu vergessen, war Victoria Nuland – seit vergangenem September Chefin der Europaabteilung in John Kerrys Außenministerium.

In dieser Funktion muss die 1961 in New York geborene Karrierediplomatin eigentlich diskret Kanäle herstellen und die europapolitische US-Strategie entwickeln – kein leichtes Spiel seit der NSA-Affäre. Nuland gehört auch zu jener Gruppe von US-Diplomaten, die nach dem Auffliegen des Skandals um das Abhören des Handys der deutschen Kanzlerin Angela Merkel alle Hände voll zu tun hat, das Vertrauen Berlins zu Washington wieder herzustellen. Da trifft es sich nicht gerade gut, wenn nun bekannt wird, wie wenig die Europastaatssekretärin vom Alten Kontinent hält.

Indirekte Hinweise hätte man aber sehr wohl sehen können. Etwa als sie kürzlich in Washington vor dem Atlantic Council eine "transatlantische Renaissance"  einforderte. Damit meinte sie wohl eher eine Neuausrichtung der strategischen Zusammenarbeit mit den europäischen Nato-Partnern – mehr oder weniger unabhängig von einer EU-Mitgliedschaft.

Das transatlantische Terrain ist Nuland aus ihrer Zeit als Nato-Botschafterin bestens vertraut. Das war von 2005 bis 2008, als der Republikaner George W. Bush einen ruppigen außenpolitischen Ton anschlug. Später, unter dem Demokraten Barack Obama, fungierte die Tochter einer Britin und eines Yale-Professors als Abrüstungsexpertin, bevor sie von Außenministerin Hillary Clinton als Sprecherin engagiert wurde.

Die mit dem neokonservativen Historiker Robert Kagan verheiratete Mutter zweier Kinder arbeitete in den 1990er-Jahren für den Demokraten Bill Clinton, später aber auch für den republikanischen Falken Dick Cheney. 2012 geriet sie in massives mediales Kreuzfeuer, als sie Clinton im Zusammenhang mit dem Terroranschlag auf das US-Konsulat in Bengasi in Schutz zu nehmen versuchte.

Den Vorwurf parteipolitischer Wendigkeit ignoriert ihr jetziger Chef John Kerry. Für ihn zählte bei ihrer Vereidigung allein Professionalität: Sie sei ein "einzigartiges Mitglied des Hillary-Clinton-Dick-Cheney-Alumni-Vereins". Freilich eines mit nicht immer diplomatischer Ausdrucksweise.  (Gianluca Wallisch /DER STANDARD, 8.2.2014)

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    foto: reuters/garanich
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