Es lebe der Sport

Kommentar7. Februar 2014, 19:23
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Menschenrechte sind für Österreichs Offizielle Nebensache

Nicht einmal exponieren hätte man sich müssen: Der deut-sche Bundespräsident Joachim Gauck, EU-Kommissarin Viviane Reding, US-Präsident Barack Obama, sein französischer Amtskollege François Hollande, der britische Premier David Cameron - sie bleiben den Olympischen Winterspielen von Sotschi fern und begründen dies mit Menschenrechtsverletzungen in Russland.

Und Österreichs Repräsentanten? Bundeskanzler Werner Faymann und Verteidigungsminister Gerald Klug fahren hin. Obwohl der Regierungschef offenherzig meint: "Es wird niemand schneller sein, nur, weil ich auch mit applaudiere." Er begründete seine Teilnahme nicht nur mit der Wertschätzung sportlicher Leistungen. Ein Fernbleiben wäre das falsche Zeichen, denn auch Wirtschaftsdelegationen fahren nach Russland. Stimmt - einige österreichische Unternehmen haben prächtig verdient an den Prachtbauten und der Infrastruktur, die Russlands Präsident Wladimir Putin in eine Gegend stellen ließ, die bisher für Sommerurlaub bekannt ist.

Wie er in Sotschi mit Handschuhen, Haube und in dicken Anorak gehüllt bei plus sieben Grad vorbei an glitzernden Glasfassaden durch einen Korridor von Sicherheitsleuten mit der olympischen Fackel in der Hand lief, vermittelte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ein ziemlich lächerliches Bild. Ein Boykott der Olympischen Spiele von Politikern ist Symbolpolitik. Aber solche Gesten können Wirkung zeigen in einem Land, in dem Meinungs- und Demonstrationsfreiheit eingeschränkt und die Rechte von Minderheiten beschnitten sind.

Wer nach Sotschi anreist, sollte die Gelegenheit nutzen, um genau darauf aufmerksam zu machen: Der Präsident des Österreichischen Skiverbandes, Peter Schröcksnadel, will aber genau das bei Sportlerinnen und Sportlern verhindern. In einem Standard-Interview meinte er: "Ich würde keinem Sportler raten, sich politisch zu äußern. Das ist nicht sein Thema." Interessant ist auch die Begründung: "Dass sich ein Sportler politisch äußert, kann man nicht verlangen. Er würde nur über eine Welt reden, die nicht seine Welt ist." Das kommt einer Entmündigung gleich - körperliche Leistungen dürfen sie zeigen, unsere Sportler, nur denken sollten sie nicht zu viel!

Welche Gedanken sich Schröcks-nadel über Homosexualität macht, davon zeugt eine weitere Passage aus dem Interview: "Soweit ich weiß, ist Homosexualität in Russland nicht verboten. Es ist nur verboten, offensiv dafür zu werben. Ich will das nicht gutheißen. Aber mir ist es auch lieber, es wird für Familien geworben, als es wird für Homosexualität geworben."

Wer das Herumgestottere von ÖOC-Präsident Karl Stoss im ZiB 2-Interview verfolgte, wer denn nun nach der Absage von Benjamin Raich Fahnenträger werden soll, wusste schon: Daniela Iraschko-Stolz wird es nicht.

Dabei wäre die Nominierung einer Sportlerin, die zu ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Lebenspartnerin steht, ein Zeichen gewesen - so wie Barack Obama bewusst die lesbische Tennisspielerin Billie Jean King für die Olympia-Delegation nominiert hat.

Die Welt da draußen - Mandela- Begräbnis, EU-Ministerratssitzungen, Davos - ist nicht wichtig: Es lebe der Sport! Nur nicht anstreifen, nur niemanden irritieren - lieber Medaillen und schöne Bilder produzieren. Im Glanz der Spiele können sich nicht nur Sportler, sondern auch Politiker zu Hause sonnen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 08.02.2014)

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