Bosnisches Frühlingserwachen

Reportage7. Februar 2014, 19:06
16 Postings

Die Bosnier demonstrieren, weil Arbeitslosigkeit und Armut stark ansteigen

„Wir überleben hier , aber ich will nicht nur überleben, ich will leben“, sagt Irma Alemanović und streicht ihre Locken nach hinten.  Die 28-Jährige hat keinen Job und ist von ihren Eltern abhängig. „Ich kann ja auch keine Erfahrungen sammeln, um einen zu bekommen“, meint die Frau die am Freitag mit hunderten anderen vor dem Regierungsgebäude des Kantons Sarajevo demonstriert.  Dann  zuckt Irma zusammen. Die ersten Schüsse aus den Schreckschusspistolen der Polizisten sind gefallen. „Sorry, aber das erinnert mich sofort an den Krieg“, sagt die 28-Jährige und fängt an zu laufen. Plötzlich rennt die ganz Menge. Fette Steinbrocken fliegen über die Köpfe der Demonstranten auf die gepanzerten Beamten zu. Diese rücken vor und versuchen so den Park vor dem Regierungsgebäude in Sarajevo abzuriegeln. 

Viele Demonstranten sind mittlerweile vor dem Steineregen auf die andere Seite des Flüsschens Miljacka geflohen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Regierungsgebäude in Tuzla, wo die Proteste vor drei Tagen begonnen hatten, bereits gestürmt. Die Polizei in der ehemaligen Industriestadt in Zentralbosnien hat aus Überforderung das Feld geräumt. Der Amtssitz in Tuzla steht in Flammen. Demonstranten, werfen Computer und Sessel aus dem Fenster. Aus dem bosnischen  Frühlingserwachen ist ein heftiges Gewitter geworden. 

Die Proteste begannen nicht ohne Grund in Tuzla. Dort gibt es weniger Beamte als in Sarajevo und in Banja Luka, die über sichere Einkommen verfügen. Die ehemals stolze und multikulturelle Arbeiterstadt ist heute eine Stadt der Arbeitslosen, der Gedemütigten und Wütenden, wo sich eine bisher unbekannte Armut zeigt. Und wo man besonders zornig darüber ist, dass  Beamte der Kantonsregierung hunderte Euro an Zulagen dafür bekommen, weil sie 50 Kilometer weit entfernt wohnen. Seit Monaten bereits haben die entlassenen Arbeiter in Tuzla jeden Mittwoch vor der Kantonsregierung protestiert. Bisher hat sie niemand gehört. Doch dieser Mittwoch war anders. An diesem Mittwoch haben sich Studenten mit den Arbeitern solidarisiert. Der bosnische Frühling bekam Zulauf.

In Tuzla geht es um fünf große Unternehmen (etwa die Waschmittelfabrik Dita), die sich in Konkurs befinden, was zu Massenentlassungen führte. Die ehemaligen Arbeiter hoffen noch immer, dass die Kantonsregierung ihre Arbeitsstellen retten kann. „Die Privatisierungen in Bosnien waren von einer Reihe von Fehlern begleitet. Die Unternehmen wurden billig verkauft und dann von den neuen fallen gelassen, wenn diese  die Ausstattungen

verkauft haben Investoren “, erklärt Vesna Malenica von der NGO Populari. „Die Arbeiter von Dita haben seit 26 Monaten keinen Lohn mehr bekommen.“ Weil auch die versprochenen Sozialleistungen ausbleiben, haben tausende Familien überhaupt keine Einkommen mehr. „Als Resultat der  Privatisierungen sind 500.000 Arbeiter ohne Job, und 100.000 haben keine Pensionsregelgung“, so Malenica. Die Arbeitslosenrate in Bosnien-Herzegowina liegt bei 28 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei den 15 bis 24-Jährigen gar bei 58 Prozent. Die 20-jährige Mirha Pjanić hat in hübschem Rosa „Bosnischer Frühling“ auf ihr Plakat gemalt. Die Medizinstudentin kommt aus Tuzla. „Es ist das wenigste, was ich tun kann, dass ich für die Arbeitslosen auf die Straße gehe“, sagt die Frau mit den großen braunen Sonnenbrillen. „Denn morgen könnte ich eine davon sein. Die Politiker sollten wenigstens mit uns reden, uns zuhören. Sie sollten uns wenigstens respektieren.“ 

Auch in Sarajevo ist das Demonstranten-Publikum sehr gemischt: Alte, Junge, Bildungsbürger, Vorstadtkids. „Was steht ihr da so rum? Lass uns das Gebäude stürmen!“, schreit ein junger Mann in meerblauen Trainingshosen mit heiserer, aber lauter Stimme und winkt die anderen Jugendlichen herbei. Die Burschen ziehen ihre Sweaters bis zur Nase hoch, um nicht erkannt zu werden und haben in den Taschen ihrer Jacken, Pflastersteine versteckt. 

Ein junger Mann wird von Freunden weggetragen, aus seiner Kopfwunde tropft Blut. „Das sind nicht unsere Kinder“ ruft eine Frau und wendet sich ab. Ihre Mundwinkel zucken. Sarajevo hat bereits so viel Gewalt gesehen.

Wenig später wird auch  hier das Regierungsgebäude der Kantonalverwaltung gestürmt.  Die Beamten waren da bereits in Sicherheit gebrahct worden.  

 An diesem  Freitag ist es außergewöhnlich warm in Sarajevo. Die Straßencafes sind voll, die Sessel alle Richtung Sonne gerichtet. Das Grün der Berge rund um die Stadt hebt sich erstmals dieses Jahr  klar vom blauen Himmel ab. Man könnte die Singvögel hören, wenn da nicht die Sirenen wären. In Sarajevo brennen Polizeiautos. Verletzte werden ins Spital eingeliefert. Die Demonstrationen sollen weiter gehen. Auch aus Wien sollen am Wochenende Leute kommen. Am Freitag skandieren die Demonstranten skandieren:„Wir haben nur ein Land und das ist Bosnien. Und wir lieben Bosnien.“ (DER STANDARD, 8.2.2014)

  • Die Verwaltung des Kantons Sarajevo in der bosnischen Hauptstadt, ein typisches Gebäude der k. u. k. Ära, wurde am Freitag von Demonstranten in Brand gesetzt. 
    foto: apa/epa

    Die Verwaltung des Kantons Sarajevo in der bosnischen Hauptstadt, ein typisches Gebäude der k. u. k. Ära, wurde am Freitag von Demonstranten in Brand gesetzt. 

Share if you care.