Öl in alte Wunden

7. Februar 2014, 18:16
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Arbeiterwohnung in Wien

(Herr und Frau Arbeiter beim Frühstück.)

FRAU ARBEITER (blättert in "Österreich"): Also, dieser Freund ... Dass wir den haben aufstellen müssen für die Europawahl ...

HERR ARBEITER (eine Semmelhälfte mit Leberwurst bestreichend): Ich find' ihn gut. Ein Gesicht, das man kennt.

FRAU ARBEITER: Schon. Aber wie soll uns einer vertreten, der nicht einmal weiß, wie wenig wir verdienen? Dreitausend durchschnittlich, ich bitt' dich! Schön wär's!

HERR ARBEITER: Er wird halt den Pfusch mitgerechnet haben. Anfängerfehler. Hat sich eh entschuldigt. Man muss nicht dauernd Öl in alte Wunden gießen.

FRAU ARBEITER: Feuer.

HERR ARBEITER: Was Feuer?

FRAU ARBEITER: Öl gießt man ins Feuer. Nicht in alte Wunden.

HERR ARBEITER: Öl? Da brennt's ja erst recht!

FRAU ARBEITER: Deswegen tut man's ja. Das heißt, man tut's natürlich nicht, man sagt's. Redensart. Öl ins Feuer gießen.

HERR ARBEITER: Und die alten Wunden?

FRAU ARBEITER: Alte Wunden soll man nicht aufreißen. Was man allerdings tun kann, ist Salz in offene Wunden streuen.

HERR ARBEITER: Das ist ja sadistisch!

FRAU ARBEITER: Herrgott, Redensart! Man tut's nicht wirklich! Du bist wirklich schwer von Begriff. Jetzt lass mich Zeitung lesen.

(Pause, sie liest.)

HERR ARBEITER (beißt in seine Leberwurstsemmel. Mit vollem Mund): Grad wegen dem Freund werden wir die Europawahl gewinnen, wirst sehen.

FRAU ARBEITER: Blödsinn. Springen doch jetzt schon alle ab. (Liest aus der Zeitung vor:) "Nur noch 24 Prozent glauben, dass Freund der SPÖ bei der EU-Wahl im Mai zusätzliche Stimmen bringen wird. Vor zwei Wochen waren es noch 49 Prozent."

HERR ARBEITER: Jaja. Das ist natürlich wieder Pfeffer auf deine Mühlen.

(Vorhang)

Material: Österreich.at, 2. Februar 2014

(Antonio Fian, DER STANDARD, 8./9.2.2014)

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