Von roten Popos und hitzigen Diskussionen

7. Februar 2014, 18:33
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Bei der Impfrate von Influenza und Masern liegt Österreich deutlich unter dem internationalen Schnitt - Die Politik will das ändern, doch viele Eltern sind nach wie vor verunsichert

Man stelle in einer Runde von Jungeltern folgende Frage: "Habt ihr eure Kinder schon impfen lassen?" Und prompt gehen die Wogen hoch: Da haut man sich Studien und Literatur um die Ohren, da gibt es Erfahrungsberichte von roten Popos und seltsamen Ausschlägen, da wird hitzig über Statistiken diskutiert. Und am Ende bleibt der verzweifelte Seufzer: Warum kann mir niemand sagen, was das Beste für mein Kind ist?

Tatsächlich ist Österreich ein Land der Impfskeptiker. Mehrere Meldungen der vergangenen Woche machen dies evident. So befindet sich die Zahl der ausgegebenen Influenza-Vakzin-Dosen auf einem Tiefstand, 621.000 waren es in der Saison 2012/13. Das ergibt eine Durchimpfungsrate von etwa acht Prozent - zum Vergleich: 2005 waren es noch 14 Prozent. Im weltweiten Vergleich gehört Österreich damit zu den Schlusslichtern, schrieb Ursula Kunze vom Institut für Sozialmedizin der Med-Uni Wien, die die Daten verglichen hat, in der Fachzeitschrift Vaccine.

Das Gesundheitsministerium hat wiederum die Masern-Impfung in das Zentrum seiner Öffentlichkeitsarbeit gestellt. Im Jänner startete eine groß angelegte Kampagne, mittels der die Durchimpfungsrate auf jene 95 Prozent erhöht werden soll, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt. Je nach Region liegt sie derzeit in Österreich nur zwischen 60 und 80 Prozent. "Herdenschutz" lautet das zentrale Stichwort - je mehr Menschen geschützt sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Verbreitung des Virus.

Weltweit sind diese Bemühungen durchaus erfolgreich: So gab die WHO am Donnerstag bekannt, dass die Sterblichkeit durch Masern deutlich zurückgegangen ist. Die Zahl der Todesfälle fiel zwischen 2000 und 2012 um 78 Prozent, 122.000 Masern-Todesfälle wurden 2012 weltweit registriert. In Nord- und Südamerika ist die Krankheit laut WHO überhaupt eliminiert.

Bereits 37 Masern-Fälle heuer

Davon ist man in Österreich noch weit entfernt. Erst am Freitag wurde ein Masern-Ausbruch in einer niederösterreichischen Montessori-Schule publik. 37 gemeldete Fälle gab es heuer bereits, im gesamten Jahr 2013 waren es 79. Seit 2002 ist die Krankheit in Österreich meldepflichtig, für 16 Kinder gingen die Masern seither tödlich aus. Sie litten an der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis, einer Folgekrankheit, die fünf bis acht Jahre nach den Masern ausbrechen kann und nicht behandelbar ist.

Mit seiner Masern-Impfkampagne wendet sich das Gesundheitsministerium besonders an die gebildete, urbane Mittelschicht, in der die größte Zahl der Impfskeptiker vermutet wird. Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) führt dies darauf zurück, "dass Krankheiten wie Masern - zum Glück - kein Teil der Lebensrealität der Menschen mehr sind. Als ich ein Kind war, war das ganz anders."

Diese Skepsis ist nicht nur alltags-empirisch spürbar, sie ist auch in Zahlen messbar: In einer Studie der Karl-Landsteiner-Gesellschaft aus dem Vorjahr gaben 57 Prozent der Eltern an, Impfungen kritisch zu sehen, 34 Prozent machten sich Sorgen über Nebenwirkungen. Das Vertrauen in die "Zahlen, Daten, Fakten", die Stöger verbreiten möchte, scheint ebenfalls enden wollend zu sein: Nur 68 Prozent der befragten Eltern sagten, sie würden den österreichischen Impfempfehlungen trauen. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 8.2.2014)

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