"Als Stadtplaner ist man Langstreckenläufer"

Interview7. Februar 2014, 17:56
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Architekten stoßen oft auf Widerstand, wenn es darum geht, die Stadt zu verändern. Das Beispiel Mariahilfer Straße zeige, wie wichtig der Dialog mit Anrainern ist, sagt der deutsche Stadtplaner Wulf Daseking

In Freiburg sei es, "wie im Himmel" zu leben, sagt Architekt Wulf Daseking. Er hat ab 1983 als Stadtplaner zahlreiche Reformen umgesetzt – mit Fokus auf Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit. Warum sich ein jahrelanger Austausch mit der Bevölkerung bei der Städteplanung auszahlt, welche Fehler in der Nachkriegszeit in Österreich oft gemacht wurden und weshalb bei der Abstimmung über die Mariahilfer Straße die Emotionen hochkommen, sagte er Rosa Winkler-Hermaden.

derStandard.at: Ist Stadtplanung eine Luxusfrage?

Daseking: Nein, es ist eine notwendige Sache. Je enger wir zusammenrücken, umso mehr muss man Sorge tragen, dass es gesamtheitliche Konzepte gibt. Es muss eine sehr sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgen. Und dann muss man auch entscheiden. Bei Entscheidungen gibt es immer Punkte, wo auch gegen Leute entschieden wird.

derStandard.at: Warum gelingt die Stadtplanung in manchen Städten besser als in anderen? Welche Faktoren spielen mit?

Daseking: In manchen Städten ist es gelungen, über Jahrzehnte eine Gesprächskultur aufzubauen. Städte sind immer das Ergebnis ihrer politischen Kultur und ihrer Fachleute, die an der Umsetzung arbeiten. Auch Institutionen mischen mit - Universitäten, Wirtschaftskammer und so weiter. Es gehören natürlich auch die Bürger einer Stadt dazu. Leider gibt es Städte, die erhebliche Defizite dabei haben, diesen Diskussionsprozess zu führen.

derStandard.at: Wie würden Sie Österreich hinsichtlich nachhaltiger Stadtplanung einordnen?

Daseking: Ich kenne einige Städte in Österreich, aber als Außenstehender muss man trotzdem immer sehr vorsichtig sein. Mir fällt auf, dass die meisten eine wunderschöne Innenstadt haben. Graz zum Beispiel, wo ich kürzlich zu Gast war. Hervorragend gestaltet, ausgezeichnet in den Funktionen, mit einprägsamen Bauten und Räumlichkeiten. Und dann gibt es äußere Stadtteile, die sich nach der Nachkriegszeit entwickelt haben. Ich sehe erhebliche Defizite bei der Zusammenführung der beiden Bereiche.

Es gilt, die dezentrale Stadt in ihrer Identität zu stärken. Schließlich wohnen hier die meisten. Also nicht nur die Innenstädte herauszuschälen, sondern eine Stadt der kurzen Wege zu bauen, damit die Gesamtstadt in einen Funktionszusammenhang gerät. Als Stadtplaner ist man Langstreckenläufer, das geht natürlich nicht von heute auf morgen.

derStandard.at: Politiker haben Angst, für mutige Schritte bestraft zu werden.

Daseking: Der Politiker agiert nach dem Motto: Es muss heute etwas geschehen, aber mir darf nichts passieren. Stadtplanung polarisiert unheimlich. Die Stadtplanung, wo man den Bürgern den Bauch streichelt, gibt es nicht. Man muss Position beziehen und bestimmte Dinge auch gegen den Widerstand herausholen.

derStandard.at: In Wien wird derzeit viel über ein prestigeträchtiges stadtplanerisches Projekt diskutiert. Mit der Mariahilfer Straße wird eine motorisierte Straße zur Fußgängerzone gemacht. Nun sollen die Anrainer abstimmen. Woher kommen die Emotionen bei stadtplanerischen Themen?

Daseking: Alles, was sich verändert, bringt Aggression. Die Menschen sind dafür eher empfänglich, als zu sagen: Ich bin bereit und möchte etwas Neues. Aber Sie können davon ausgehen, dass alle Städte, die ihre Umwandlung in Richtung Verkehr raus und Fußgänger rein vollzogen haben, profitiert haben. Es gibt keine einzige Stadt, die den Bach hinuntergegangen ist.

derStandard.at: Welche Vor- und Nachteile hat es, wenn man die Bürger mitbestimmen lässt?

Daseking: Ich sehe keine Nachteile. Es sollte zur Kulturgegebenheit einer Stadt gehören, dass man Bürger in die Planung einbindet. Außerdem muss eine gewisse Kontinuität vorherrschen. Man muss den Bürgern das Gefühl geben, dass die Verantwortlichen nicht nur dann kommen, wenn sie etwas wollen. Es muss einen kontinuierlichen Austausch mit all den dort anliegenden Problemen geben. Die Verwaltung muss lernen, regelmäßig zuzuhören.

derStandard.at: Sie haben ab 1983 als Stadtplaner in Freiburg viele Reformen umgesetzt und sagen heute: "Freiburg, das ist, wie im Himmel zu leben." Gab es bei Ihnen dennoch Projekte, die aufgrund des Bürgerwiderstands gescheitert sind?

Daseking: Es gibt immer wieder Projekte, die scheitern. Unser Motto war: Altes wahren und Neues wagen. Der Wiederaufbau nach dem Krieg verlief in Freiburg ganz anders als in anderen Städten. Hier hat man die Altstadtstruktur gehalten, hat keine dezentrale Stadt gebaut, sondern erst einmal die Altstadt wieder gewartet. Das war völlig gegen den Trend. Profitiert hat man von vielen wissenschaftlichen Einrichtungen und von der Bildungsschicht, die sehr groß ist. Wir haben keine Industrie, der größte Arbeitgeber ist die Universität.

derStandard.at: Nennen Sie doch ein paar Beispiele aus Freiburg.

Daseking: Ein wichtiges Element ist sicherlich die Straßenbahn, die in die Mitte gelegt wurde. Mehr als 70 Prozent aller Freiburger (229.000 Einwohnr, Anm.) leben in einem Abstand von 250 Meter zur Straßenbahn. Wir haben autofreie Stadtteile, ab 1986 haben wir verstärkt begonnen, ressourcenschonend vorzugehen. Wir haben die Vernetzung von Fuß- und Radwegen vorangetrieben.

derStandard.at: Würden Sie Freiburg als Smart City bezeichnen?

Daseking: Ich mag diese Begriffe nicht. Ich mag auch den Begriff Green City nicht. Für mich war es immer eine völlig normale Sache, die Ressourcen zu schonen. Stadtplanung heißt, dem Zufall eine Strategie entgegenzusetzen und eine vorausschauende Planung zu machen. Der neue Gedanke war dann, die Nachhaltigkeit einfließen zu lassen und eine soziale Mischung hineinzubringen. Das wird auch in Zukunft ganz wichtig sein: die sozialen Aspekten zu erhalten.

derStandard.at: Was meinen Sie damit?

Daseking: Die Innenstädte sind alle schön blankpoliert, nur die Obersten können es sich leisten, dort zu leben. Die anderen rennen nur durch, staunen und drücken sich die Nase an den Schaufenstern platt. Dann gehen sie wieder zurück in ihre Stadtteilzentren und leben in einem Umfeld, das alles andere widerspiegelt als diese Welt, in die sie vorher eingetaucht sind. Es gilt, ihre Welt aufzuräumen. Das heißt nicht, alles glattzupolieren, sondern an der sozialen Mischung zu arbeiten. Doch die Politik kneift an vielen Stellen. Wie werde ich wiedergewählt? Das ist das große Damoklesschwert. Stadtplaner können nie Everybody's Darling sein. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 7.2.2014)

Wulf Daseking ist Architekt und Oberbaudirektor a. D. der Stadt Freiburg in Baden-Württemberg. Seit 2010 ist er Honorarprofessor an der Universität Freiburg.

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  • Die Einbeziehung der Bürger sollte selbstverständlich sein, findet der Freiburger Architekt Wulf Daseking.
    foto: privat

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