Es bleibt "dieser Haufen Geld": Talk-Legende Jay Leno nahm Abschied

Ansichtssache7. Februar 2014, 16:56
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Kein Zweifel, der Altmeister der Late-Night-Show lässt Abschiedsschmerz erkennen. Jay Leno nimmt seinen Hut, und was er seinen Nachfolgern mit auf den Weg gibt, spricht nicht dafür, dass er freiwillig geht. "Ich sage neuen Leuten im Showbusiness immer, das Showbusiness zahlt euch eine Menge Geld, weil ihr irgendwann aufs Kreuz gelegt werdet. Und wenn man euch dann aufs Kreuz legt, ist eben dieser Haufen Geld da. Seid ihr bereit dafür?"

 

foto: reuters/fred prouser

Als Leno die "Tonight Show" übernahm, regierte im Weißen Haus George Herbert Walker Bush, McDonald's eröffnete seine erste Filiale in Peking und, daran hat der Veteran Freitagnacht in seiner allerletzten Sendung erinnert, "Marihuana war überall verboten, während überall Zigaretten geraucht werden durften". Es folgten 22 Jahre mit Schreibtisch und Couch, dem unvermeidlichen Late-Night-Mobiliar. Bei Leno verkündete Arnold Schwarzenegger seine Kandidatur fürs kalifornische Gouverneursamt (Bild), bei Leno konnte Barack Obama pointiert kontern, als Verschwörungstheoretiker um den exzentrischen Baulöwen Donald Trump hartnäckig bezweifelten, dass er das Licht der Welt auf amerikanischem Boden erblickte. Die Fehde mit Trump, das sei ja fast so schlimm wie zwischen ihm und seinem Kontrahenten Dave Letterman, kalauerte Leno. Darauf Obama: "Das geht alles zurück auf die Zeit, als wir zusammen in Kenia aufwuchsen."

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foto: matt sayles/invision/ap

1992, im eher beschaulichen Burbank, am Rande der Megacity Los Angeles, hatte der Mann mit dem markanten Kinn Schuhe auszufüllen, die als viel zu groß für ihn galten. Sein Vorgänger Johnny Carson war eine Legende und der Neue, verglichen mit ihm, ein komödiantisches Leichtgewicht. Nun wiederholt sich die Geschichte, auch karikaturistisch. Das New York Magazine porträtiert Jimmy Fallon, der Leno ablösen wird, mittels Fotomontage als kreuzbraven Hänfling, der versucht, in den Schuhen eines Riesen zu laufen. Fallon ist 39, Leno 63. "Generation X übernimmt von den Babyboomern", schreibt der Washingtoner Kulturkritiker Hank Stuever.

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foto: ap

Der Stabwechsel wird derart intensiv interpretiert, symbolisiert, am Zeitgeist gemessen, als ginge es um eine neue Ära im Oval Office. Dabei ist Tonight längst nicht mehr die Institution, die es einmal war. Carson kam auf 17 Millionen Zuschauer pro Abend, Leno auf vier Millionen. Schuld ist die Härte der Konkurrenz: Mit David Letterman und Jon Stewart, Conan O'Brien und Stephen Colbert, Jimmy Kimmel und Seth Meyers gibt es inzwischen ein halbes Dutzend Comedy-Könner in der Spitzenliga. Im Bild: Billy Crystal bei der Abschiedssendung am Donnerstag.

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foto: ap

Wie gnadenlos der Late-Night-Krieg bisweilen tobt, zeigten 2009/10 die sieben Monate, in denen Leno Conan O'Brien Platz machen musste, mit einem früheren Sendeplatz abgespeist wurde und floppte wie sein Rivale in der neuen Rolle am späten Abend. "Ich will den Kindern da draußen nur eines sagen", meldete sich O'Brien zu Wort, als er Leno schließlich weichen musste. "Ihr könnt alles machen, wonach euch der Sinn steht, yeah, es sei denn, Jay will es auch machen."

Beim Abgang hat Leno das Kriegsbeil gnädig begraben, auch wenn man ahnt, dass der Friede nicht ewig währt. Eines hätten die Großverdiener der Branche wohl begriffen, witzelte er, bevor in Burbank die Lichter ausgingen. "Niemand schaltet seinen Fern­seher an, um Millionären beim Kämpfen zuzusehen - dafür haben wir ja die Vorwahlen der Republikaner". Im Bild: Farewellständchen für Leno. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 8./9.2.2014)

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