Die EU als solche ist unfuckable

Kolumne7. Februar 2014, 17:00
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Eine US-Sprachschlamperei

Was für ein Skandal! Diese Woche hat die US-Staatssekretärin Victoria Nuland ihren Botschafterkollegen in der Ukraine, Geoffrey Pyatt, geheißen, er möge doch gefälligst sexuell mit der Europäischen Union verkehren ("Fuck the EU!"). Der eigentliche Skandal in der Causa ist natürlich nicht die kräftige Wortwahl von Frau Nuland. Ihr die vorzuwerfen, na, aber hallo: Wie spießig wäre das denn!

Schließlich sind Firmen und Behörden keine Mädchenpensionate. Selbst wenn man im State Department den kollegialen Small Talk mit dem einen oder anderen Fuck, Shit oder Asshole würzt, besteht noch lange kein Anlass zur Vermutung, dass in Washington DC mehr geschweinigelt würde als im globalen innerbetrieblichen Zotendurchschnitt. Ich hoffe, dass ich jetzt keine Interna preisgebe, aber auch in der moralisch bekannt untadeligen Standard-Redaktion fallen gelegentlich kotzengrobe Bemerkungen wie "So ein Schlingel!", "Sapperlot!" oder "Mich laust der Affe!"

Wirklich skandalös ist freilich der Umstand, dass sich Frau Nuland bei ihrer Aufforderung einer verbalen Schlamperei schuldig gemacht hat, die bei einer diplomatischen Spitzenkraft schlicht nicht tragbar ist. Schlamperei deshalb, weil der Akt des Fuckens neben einem klar umschriebenen Subjekt auch ein klar umschriebenes Objekt voraussetzt, das es im Fall der EU keineswegs gibt.

Die Europäische Union ist ein legendär amorphes Gebilde, mit einer Kommission, einem Rat, einem Parlament, diversen Außen- und Nebenstellen usw. usf. Der außenpolitische Connaisseur fühlt sich sogleich an Henry Kissingers klassische Frage erinnert: "Wen soll ich anrufen, wenn ich Europa anrufen will?" Genauso muss der "Fuck the EU"-Aufruf als unspezifisch und somit undurchführbar gelten. Wen sollte Herr Pyatt denn konkret antauchen, wenn ihm von einer Vorgesetzten die Kopulation mit den Europäern angeschafft wird? Anders formuliert: Die EU als solche ist unfuckable, aber davon scheint Frau Nuland noch nichts gehört zu haben.

Bleibt zu hoffen, dass die voreilige Staatssekretärin bei ihrem nächsten Telefonat mit Kiew die Scharte elegant auswetzt und klarer artikuliert, wen Herr Pyatt aufs Korn nehmen sollte: Den Ratspräsidenten, den Europäischen Bürgerbeauftragten oder vielleicht doch lieber den Chef der Europäischen Zentralbank. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 8./9.2.2014)

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