Liebeskonferenz der zärtlichen Vampire

7. Februar 2014, 17:59
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Einer bärenstarken Saison des Wiener Josefstadt-Theaters wird von Regisseur Hans Neuenfels ein Glanzlicht aufgesetzt

Wien - Die Merteuil (Elisabeth Trissenaar) hat sich ihre Ruheliege mit Nackenrolle redlich verdient. Die Liebesschlachten sind ein für alle Mal geschlagen. Heiner Müller, vor vielen Jahren der Welt klügster DDR-Dramatiker, stattet in Quartett (1982) der Aristokratie einen letzten Höflichkeitsbesuch ab, rein formell, versteht sich. Die Figuren des Briefromans Gefährliche Liebschaften von Coderlos de Laclos werden von ihm mit Sprache gedopt. Ein Liebeszeitalter wird besichtigt.

Die Marquise de Merteuil und ihr Liebhaber Valmont (Helmuth Lohner) sitzen in einem "Bunker nach dem Dritten Weltkrieg". Im Rokoko war die Intrige das effektivste Mittel, den Liebesvollzug hinauszuzögern. Am genüsslichsten liebte damals nur der Unaufrichtige. Die Bühne im Wiener Josefstadt-Theater ist wie Lava schwarz (Ausstattung: Reinhard von der Thannen), ein Salon aus Schlacke. Die bürgerliche Empörung hallt nach in Müllers Text. Sie erscheint nur umgewandelt in befreiendes Gelächter.

Lust der Übertretung

Merteuil und Valmont, bei Erscheinen des Remakes über 200 Jahre alt, mokieren sich über die Körper genauso wie über die Korsette, in denen sie stecken. Eigentlich sind sie es, die in der Klemme sind. Wer kein Verbot kennt, weiß auch nichts von der Lust, die nur die Übertretung gewährt. Immerhin stützte sich die Revolution, die sieben Jahre nach Erscheinen der Liebschaften in Frankreich losbrach, auf die moralische Überlegenheit der Bürger über den Adel. Müller weiß es besser. Seine Figuren sind Untote.

In Hans Neuenfels' geistreicher Regie riskieren die beiden Salonmonster die tollsten Volten. Jeder weiß über den anderen komplett Bescheid. In der Mitte hängt wie ein grauer Zylinder die Stoffbahn einer Umkleidekabine. In ihr steht, mit dem Rücken zum Publikum, Valmont. Die silbrig glänzenden Federn, die Lohner trägt, könnten auf den Herrn der Ringe hindeuten oder auf ein nekromantisches Ausbildungs-Camp mit norwegischen Death-Metal-Kollegen.

Man hat einander satt. Die beiden fügen einander Leid zu, weil sie anders das Gift der Zärtlich- keit nicht vertrügen. "Tugend ist eine Infektionskrankheit." - "Das Fleisch hat seinen eigenen Geist." Merteuil und Valmont werfen einander die Müller-Bonmots wie Leckerbissen zu. Jede dieser Satzpralinen ist randvoll mit Gift. Merteuil, von Trissenaar als hennarote Naturgewalt gespielt, stellt dem alten Kumpan ihre tugendsame Nichte als Appetithappen vor Augen. Man "turnt" einander "an".

Lohner geht an der Ballettstange in Stellung. Ihm stünde der Sinn nach der verheirateten Madame de Tourvel. Trissenaar wird zu Valmont, er hingegen mimt die tugendsame Frau. In Quartett ist tatsächlich "Charlies Tante" enthalten. Müllers Stück ist vor allem brüllend komisch.

Lohner erträgt die Suada seines "anderen" Ichs ungerührt. Er nimmt die Pose einer Dame ein, die auf einer Ruheliege den Anzüglichkeiten eines verliebten Schwätzers lauscht. Er kaut genäschig an den Perlen seiner Kette. Er wahrt zum Schein Sitte und Anstand. Er soll als Tourvel durch die Selbstlosigkeit seiner Hingabe helfen, einem jungen Mädchen die Jungfräulichkeit zu bewahren. Die Tugend ist der Einsatz, der auf dem Spiel steht. In Lohners unvergleichlicher Kunst sind drei, vier Bedeutungsebenen gleichzeitig aufgehoben. Die Josefstädter Aufführung von Quartett ist vor allem auch ein Triumph dieses völlig einzigartigen Schauspielers.

Das Paar spielt weiter, nun mit dem Nonnenhäubchen der Cécile de Volanges. Sie ist jene Nichte, die mit ihrer Jugend Valmont neu beleben soll. Schließlich aber ist beiden der erotische Appetit vergangen. Man könnte einander ein letztes Mal umarmen, es steht nicht mehr dafür. Der letzte Trunk zur Stärkung enthält für Mann und Frau das nämliche Gift. Einmal muss Schluss sein.

Die letzten Müller-Worte sind gesprochen, Merteuil und Valmont spucken Blut. Jetzt könnte, nach Müllers Logik, der Vierte Weltkrieg beginnen. Jubel für eine Glanzstunde. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 8./9.2.2014)

  • Zwei, die sich seit 200 Jahren kennen, wollen noch einmal gemeinsam die Lust erfahren: Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner als Merteuil und Valmont in Heiner Müllers "Quartett".
    foto: apa/herbert neubauer

    Zwei, die sich seit 200 Jahren kennen, wollen noch einmal gemeinsam die Lust erfahren: Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner als Merteuil und Valmont in Heiner Müllers "Quartett".

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