Via Algarviana: Wandern im Hinterland der Entdecker

10. Februar 2014, 17:05
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Auf der Via Algarviana: Wer sich in Südportugal von der Küste fernhält, kommt der Region in großen Schritten näher

Am Kliff des Cabo de São Vicente bricht das Land senkrecht ab und verschwindet im Ozean. Anfang oder Ende? Ein weißer Leuchtturm mit roter Stahlkuppel markiert den südwestlichsten Zipfel Portugals, ja sogar ganz Kontinentaleuropas. Von hier aus segelten die portugiesischen Karavellen im 15. Jahrhundert ins Ungewisse – nach Afrika, Brasilien und Indien. Hinter dieser Steilküste fing für die Seefahrernation das Abenteuer auf den Meeren an.

Heute beginnt hier ein Abenteuer zu Land. Das markante Kap bei Sagres ist auch für den Wanderweg Via Algarviana Anfang oder Ende. Dazwischen liegen 300 Kilometer, die man gesamt oder in einzelnen Etappen gehen kann. Jenseits der Strände und Felsenbuchten führt die Route durch das gebirgige Hinterland der Algarve, Barrocal genannt, eine ursprüngliche Gegend, in der man sich ganz als Entdecker fühlen kann.

Zartes Rouge auf den Felsen

Die Luft ist noch frisch, die Morgenröte legt ein zartes Rouge auf die Sandsteinfelsen. "Genug Wasser mit?", erkundigt sich Nicolau da Costa. Die Dünenlandschaft ist knochentrocken, und der Wanderführer legt ein forsches Tempo vor. Das Meer ist schnell aus dem Blick. Wohin man schaut, duckt sich die karge Vegetation unter dem rauen Seewind.

Nach den ersten rot-weißen Holzschildern der Via Algarviana sind die Wegweiser versiegt wie die Bäche. Doch Nicolau kennt die Gegend genau. Er ist an der Costa Vicentina geboren, jenem Naturpark, der von Sagres bis kurz vor Lissabon die schroffen Felsen, sandigen Buchten, Lagunen und Dünen der Westküste schützt. Nicolau kann sie alle benennen: die Lack-Zistrosen, die duftenden Lavendelarten, die seltenen Hasenglöckchen und Blausterne und seltsamen Distelfelder.

Eine raue, verletzliche Landschaft. Vereinzelt stehen Steinhäuser mit eingestürzten Dächern. Ziegen grasen, Hunde dösen im Schatten, wo es noch Leben gibt. Der Mensch ist im Hinterland eine seltene Spezies geworden. Die meisten flohen vor dem harten Landleben in Touristenstädte wie Lagos und Sagres oder gleich nach Lissabon.

Schneller Szenenwechsel

Der nächste Tag führt ins Gebirge. Lúcio Feio, der Wanderführer dieser Etappe, wartet im ersten Café am Ortseingang des Bergdorfes Monchique. Die Serra de Monchique erscheint wie ein Szenenwechsel im Theater. Die Natur schaltet um von Steppengelb auf Baumgrün. Den Wegweisern folgend, fegt Lúcio durch den Wald, breitet sein Wissen über Lorbeer, Schirm- und Seekiefern, Stiel- und Korkeichen aus und pflückt ein paar Feigen von wild wachsenden Bäumen. "Ist es nicht paradiesisch?", schwärmt er.

Das vulkanische Bergmassiv misst bei Fóia gerade einmal 902 Meter über dem Meer. Für Alpinisten ist die höchste Erhebung der Algarve ein Klacks. Oben erwartet den Naturfreund dennoch die Vorhölle. Der Gipfel entpuppt sich als niedergewalzte Fläche mit einem extraterrestrisch anmutenden Antennenwald, den die Nato, die portugiesischen Luftstreitkräfte und ein Radiosender errichtet haben, daneben ein Monsterparkplatz für Touristenbusse. Doch die Wanderer können wörtlich darüber hinwegsehen: bis zur Küste, zum Meer, sogar bis nach Afrika.

Von Alte nach Salir sind es sechzehn Kilometer. Das Bergdorf Alte ist dank der bildschönen Altstadt zur Pilgerstätte geworden. In der prächtigen Kirche aus dem 13. Jahrhundert wird sogar Eintritt verlangt. Wieder wandert man, wieder ist alles anders. Die Landschaft gibt sich jetzt mediterran mit Mandel-, Quitten-, Granatapfel- und Johannisbrotbäumen.

Die Via Algarviana verläuft auf alten Arbeitswegen, oft nicht breiter als ein Ochsenkarren. Steinmauern begrenzen die Felder und Wege, Bäume spenden Schatten. Jedes größere Dorf besitzt eine öffentliche Waschstelle, fast jedes Haus einen verzierten Rauchfang und kläffende Hunde. Alles kleine Wichtigtuer, die schwarze Schweine, Hühner und ihre Herrchen beschützen. Die Alten sitzen am Straßenrand und wünschen den Wanderern einen guten Weg.

Maurisch-Museales

Hat man das Kalksteingebirge Serra do Caldeirão passiert, ist Salir erreicht. Das verschlafene Bergdorf erlebte zur Maurenzeit große Tage, wovon das kleine Pólo Museológico erzählt. Ein Grabstein mit arabischer Inschrift belegt die einstige Bedeutung von Salir. Über den sorgfältig gepflegten Mauerstümpfen der maurischen Burg hat man ein supermodernes archäologisches Museum erbaut.

Auf der Route von Barranco-Velho nach Cachopo gelangt man ins Zentrum der Korkindustrie. Portugal ist weltgrößter Korkproduzent, der beste Kork stammt von hier, aus São Brás de Alportel. Ganze Wälder bestehen nur aus mächtigen, knorrigen Korkeichen. "Früher war Kork ein Synonym für Reichtum", sagt Sonia Manso, eine Biologin und die Wanderführerin auf den letzten Etappen. Doch seit Plastik- und Glasstopfen das Geschäft verderben, werden nur noch Schirmpinien gepflanzt. Das werde die Gegend bald radikal verändern, fürchtet sie.

Rast in Furnazinhas, einem Dorf mit rund 50 Einwohnern, der jüngste ist 56 Jahre alt. Am Abend sitzen die Alten vor frisch gefärbelten Fassaden und knacken Mandeln. "Wollt ihr welche?", fragt Senhora Florida. Gern. Bei Sonnenaufgang steht die rüstige Dame wieder im Gemüsegarten. Ob man zum Mittagessen kommen wolle? Leider nein, die letzte Etappe nach Alcoutim steht noch an. "Kommen und gehen, so ist das Leben", sagt sie lächelnd und schenkt den Wanderinnen Weintrauben für den Weg.

Ein Freundschaftspreis von einem Euro

Vertrocknete Erde, offene Herzen. Die Begegnungen mit den Alten gehören auf der Via Algarviana zu den schönsten Erfahrungen. Wieder Sandwege und halb verlassene Dörfer. Endlich Corte Velha, doch das einzige Café hat zu. Der Chef der Taberna do Ti sieht die Wanderer und sperrt auf. "Wasser oder Kaffee?", fragt er auf Deutsch. Senhor Emídio genießt das Staunen und geht hinter die Schank, dekoriert mit alten europäischen Geldscheinen. Auch ein 20-Schilling-Schein ist darunter.

Alcoutim, das Ziel der Via Algarviana, ist erreicht. Träge zieht der Guadiana-Fluss vorüber, der Portugal von Spanien trennt. Burgen auf beiden Seiten erzählen von alten Feindseligkeiten. Heute wird für die Fähre ein Freundschaftspreis von einem Euro verlangt. Nach 300 Kilometern steht der Wanderer wieder am Wasser. Im Osten der Fluss, im Westen das Meer. Ende oder doch Anfang? (Beate Schümann, DER STANDARD, 8.2.2014)

Diese Reise wurde vom Portugiesischen Fremdenverkehrsamt unterstützt.

Infos:

Die Via Algarviana zwischen Alcoutim an der spanischen Grenze und dem Südwestkap Europas ist ein alter Pilgerweg und rund 330 Kilometer lang. Die übliche Gehzeit für die gesamte Strecke beträgt rund 14 Tage, das Begehen von Teilabschnitten ist freilich möglich. Anbieter wie zum Beispiel Wikinger Reisen organisieren den gesamten Trip für den Westabschnitt des Weges in acht Tagen.

Ein Wanderführer zur Via Algarviana ist erhältlich in deutscher Sprache – mit Streckenverlauf und Hoteltipps: www.viaalgarviana.org ; die Website www.via-algarviana.com enthält viele Informationen zu einfachen Unterkünften und Gasthäusern.

Anreise:

Flug von Wien nach Faro zum Beispiel mit TAP Portugal: www.flytap.com. Weiter zu den Startpunkten der Wanderstrecke an beiden Enden am besten per Taxi oder mit einem Hotel-Shuttle. Ausgewählte Unterkünfte an der Via Algarviana oder in deren Nähe: etwa das Hotel Martinhal in Sagres: www.martinhal.com – Hotel Termal de Monchique in Caldas de Monchique: www.monchiquetermas.com – Hotel Alte in Alte: www.altehotel.com oder die Casa do Lavrador in Furnazinhas / Castro Marim: casadolavrador@sapo.pt

Informationen über Portugal: Portugiesisches Fremdenverkehrsamt: www.visitportugal.com/de

  • Südportugal im Schneckentempo: Von Sagres im Westen führt der Wanderweg Via Algarviana 300 Kilometer lang durchs Hinterland bis nach Alcoutim an der spanischen Grenze.

    Südportugal im Schneckentempo: Von Sagres im Westen führt der Wanderweg Via Algarviana 300 Kilometer lang durchs Hinterland bis nach Alcoutim an der spanischen Grenze.

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