Ohne Umsteigen mit der Bergenbahn in die Wildnis

10. Februar 2014, 10:29
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Ein einfaches Ticket zur Polarexpedition gibt's in Oslo am Bahnhof - Die Bergenbahn bietet ein Abenteuer nach Fahrplan

Ein grauer Wintertag in Oslo. Vom Winde verwehte Schneeflocken ziehen weiße Striche vor die roten Türme des Rathauses. Auf Gleis 10 des Osloer Zentralbahnhofs steht der Expresszug 601 bereit für die Abfahrt, über Hønefoss und Geilo soll es nach Bergen an der norwegischen Westküste gehen. Der Weg wird das Ziel sein, denn die fast 500 Kilometer lange Strecke zählt nicht nur zu den technisch aufwändigsten, sondern wohl auch zu den landschaftlich schönsten der Erde.

Pünktlich um 10.20 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, bald rumpelt er über den urbanen Weichenwirrwarr und verschwindet in einem langen Tunnel - Norwegen schickt seine Züge in der Hauptstadt durch eine Unterführung. Die beiden vorgespannten schweren Loks lassen aber erahnen, dass die Fahrt durch das Gebirge kein Stadtspaziergang wird.

Wie verlorene Konfetti auf der Schneedecke

Beim ersten kurzen Halt steigen gut gekleidete Reisende ein - nicht mit Koffern, sondern mit Rucksäcken, die im norwegischen Winter praktischer sind, weil hier fast jeder beide Hände braucht für seine Ski. Viermal am Tag fährt der Zug von Oslo nach Bergen, denn im Winter ist er die einzige Verbindung zwischen den beiden Städten. Die Straße über das Hochland Hardangervidda bleibt bis in den Frühling gesperrt.

Vor der Zuggarnitur breitet sich das weite Hallingdal aus, eine der fruchtbarsten und ältesten bäuerlichen Kulturlandschaften Norwegens. Jetzt aber leuchten hier keine Blüten aus satten Wiesen, sondern nur die bunten Häuschen der Bauern wie verlorene Konfetti auf der weißen Schneedecke.

Ski oder Schlitten lehnen neben fast jedem Hauseingang, an Fahnenmasten baumeln norwegische Flaggen wie gelangweilt von der Windstille. Und vom Bahnhof in Torpo wie vor Schreck erstarrt die Eiszapfen. Das Gebäude aus Holz sieht ähnlich verwittert aus wie die fast 900 Jahre alte Stabkirche, eine der ältesten Kirchen Norwegens, gebaut in der Wikingerzeit.

Schwung holen für Geilo

Erst nach Hol scheint der Zug in weit ausladenden Schwüngen Anlauf zu nehmen, um den steiler werden Weg nach Geilo, einem der bekanntesten Skiorte des Landes, zu bewältigen. Die Schneewände beiderseits der Gleise werden höher, immer häufiger verschwindet der Zug in Tunnels oder hinter Schneegalerien.

Jetzt gibt es nur noch wenige Siedlungen entlang der Strecke, ein paar Almen, nur im Sommer bewohnt. Oft ragt nur noch ein Dachfirst oder ein rußiger Rauchfang aus dem Schnee. Wie viel davon mag hier oben wohl liegen? Im Vorbeifahren am großen verschwommenen Weiß ist das unmöglich zu erkennen, aber die Galerien für den Expresszug seien nach der höchsten jemals gemessenen Schneehöhe dimensioniert, sagt der Schaffner: auf 18 Meter.

Die Wassertropfen draußen am Fenster sind unterdessen zu Eis geworden, immer mehr Schneeflocken bleiben auf dieser Glasur picken. Der Zug kommt nur noch langsam vorwärts. Es scheint, als würde auch ihm der Schneesturm zu schaffen machen, doch es sind natürlich die Steigung und zahllose Kurven. Zugfahrten in Norwegen haben von Natur aus etwas Langsames, weil ein Viertel aller Strecken praktisch nur aus sehr engen Kurven besteht.

Garnituren und Gegenspieler

Finse ist der erste Halt für die Bergenbahn im Gebirge und mit 1.222 Metern über dem Meer der höchstgelegene Bahnhof im Norden Europas. Keine große - oder besser: hohe - Sache für Mitteleuropäer. Doch hier in Skandinavien entspricht diese Seehöhe im Hinblick auf Klima und Vegetation 2500 Metern in den Alpen. Auch deshalb verläuft die Bahnstrecke von hier an gute 100 Kilometer oberhalb der Baumgrenze.

Der Schnee allein kann der Bergenbahn recht wenig anhaben, ihr größter Feind ist der Wind. Meterhohe Verwehungen und Wechten gehören hier zwischen November und April zur Tagesordnung, vor die Loks gespannte Pflüge und sogar Fräsen sind dann im Dauerbetrieb. Finse ist dabei quasi das Hauptquartier in einem Kampf, den die Norwegische Staatsbahn sechs Monate gegen den Winter kämpft - und gegen Verspätungen. Mit überraschender Pünktlichkeit treffen die Garnituren mit der Hardangervidda als Gegenspielerin an der Westküste ein.

Doch selbst im Sommer ist der Zug das einzige Verkehrsmittel, das Finse mit der Außenwelt verbindet. Eine Straße hier herauf gibt es nicht - warum auch. Nur ein Hotel liegt hier oben, daneben eine Station des Norwegischen Touristenvereins, einer dem Alpenverein vergleichbaren Organisation. Von hier aus werden ohnehin nur Skitouren unternommen durch die Hardangervidda, diesem mehrere tausend Quadratkilometer großen, fast menschenleeren Hochland, dem einsamsten Europas.

Steilste Normalspur-Adhäsionsstrecke der Welt

Kurz hinter Finse passiert der Zug schließlich Taugevatn, den mit 1.301 Metern höchsten Punkt der Strecke. Draußen tobt der Schneesturm, Eiskristalle prasseln gegen die Wagen und Fensterscheiben, durch die vorübergehend kaum noch etwas zu sehen ist von der schönen Landschaft. Schaukelt der Wagen nun vom unentwegten Kurvenfahren, oder hat ihn doch der Sturm gepackt? Der Kaffee jedenfalls, den die ständig kreisenden Stewards und Stewardessen nachschenken, schwappt in den Bechern wie bei einem turbulenten Flug über dem Gebirge.

Dann halten wir in Myrdal. Drüben am anderen Gleis steht ein kleiner Zug abfahrtbereit, nur mit einer Lok und drei Waggons. Die Flåmsbahn bricht von hier aus auf zu einer wohl noch abenteuerlicheren Eisenbahnfahrt: Einen Abstieg von rund 1.000 Höhenmetern gilt es bewältigen, von der Hardangervidda nach Flåm am Sognefjord. Mit einem Gefälle von 55 Promille gehört diese Strecke zu den steilsten Normalspur-Adhäsionsbahnen Europas. Auf 20 Kilometern passiert sie eine einzige Aneinanderreihung von Wasserfällen, senkrechten Abgründen und Tunnels.

In der Dämmerung eines tobenden Wintertages klettert nun auch die Bergenbahn immer tiefer hinab. Die Fenster tauen nach und nach auf, draußen halten Reisende Regenschirme in ihren Händen. Dann ein endlos erscheinender Tunnel: Der Ulrikentunnel mit seinen siebeneinhalb Kilometern gibt nach achteinhalbstündiger Fahrt den Blick auf die alte Hansestadt frei. Es ist ein frühlingshafter Abend, der die Bergenbahn trocken begrüßt. (Christoph Wendt, DER STANDARD, 8.2.2014)

Diese Reise wurde von der Norwegischen Staatsbahn NSB unterstützt.

Info

Die Bergenbahn bedient Züge im regulären Linienverkehr und ist kein Sonderzug für Touristen. Die Wagen sind Großraumwagen, alle Plätze reservierungspflichtig und äußerst komfortabel. Eine einfache Fahrt Oslo-Bergen ist ohne Ermäßigung ab 70 Euro zu haben.

Links

www.visitnorway.com/de
www.nsb.no

  • Finse ist der erste Halt für die Bergenbahn im Gebirge und mit 1.222 Metern über dem Meer der höchstgelegene Bahnhof im Norden Europa

    Finse ist der erste Halt für die Bergenbahn im Gebirge und mit 1.222 Metern über dem Meer der höchstgelegene Bahnhof im Norden Europa

  • Bei einer Zugfahrt durch die norwegische Hardangervidda ist die Polarexpedition eine bequeme Erfahrung im Fauteuil.

    Bei einer Zugfahrt durch die norwegische Hardangervidda ist die Polarexpedition eine bequeme Erfahrung im Fauteuil.

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